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19 Mai 2020, 16:09
Kairat Kelimbetow

Wie sich das Coronavirus auf EAWU, kleine Unternehmen und globale Investoren auswirkt

Kairat Kelimbetow
Kairat Kelimbetow
Geschäftsführer des Internationalen Finanzzentrums "Astana"

Der Ausbruch der Coronavirus-Pandemie veränderte die Welt. Während sich die Staaten vor einigen Monaten darüber nachdachten, wie die Ausbreitung der Infektion vorzubeugen ist, so müssen sie zurzeit genauso wichtige Aufgaben lösen: ihre Wirtschaft retten. Alle neigen dazu, dass man alleine die Folgen der Pandemie nicht bekämpfen kann. Diesen Problemen widmet sich der bevorstehende Gipfel der Eurasischen Wirtschaftsunion am 19. Mai. Ein BelTA-Korrespondent hat mit dem Geschäftsführer des Internationalen Finanzzentrums „Astana“ Kairat Kelimbetow über die Überwindung der Schwierigkeiten in der EAWU, das Überleben kleiner Unternehmen und Investitionen für Startups auf dem globalen Markt gesprochen.

Kairat, sagen Sie bitte, wie sich die Pandemie auf die Zusammenarbeit der Länder der eurasischen Region auswirkte, deren Wirtschaften eng nicht nur miteinander, sondern auch mit globalen Spielern zum Beispiel mit China verflochten sind?

Für die meisten Wirtschaften im postsowjetischen Raum hängen neue Herausforderungen nicht nur mit dem Coronavirus zusammen, sondern auch mit dem Ölpreisrückgang zusammen. Es wurde verständlich, dass wir uns auf etwas Neues künftig vorbereiten müssen. Wir teilten es für sich in drei wichtige Stadien auf. Das ist die Antwort auf die epidemiologischen Krisen. Kurzfristige Antwort auf die Herausforderungen für die Wirtschaft. Hier werden zum Beispiel kleine und mittlere Unternehmen, Menschen gemeint, die ihre Arbeitsplätze wegen der Quarantäne verlieren konnten. Es konnte auch wegen der Schließung der Grenzen zwischen Staaten passieren. Drittes Stadium stellt das Nachdenken über Reformen dar.

Vom Standpunkt des 1. und 2. Stadiums aus scheint es, dass eurasische Staaten allein gegen die Pandemie und ihre Folgen vorgehen. Aber historische und kulturelle Beziehungen, die wir haben, geschaffenes Ökosystem der Eurasischen Wirtschaftsunion lassen uns innere Kontakte unterstützen. Die Staaten helfen einander. Zurzeit ist es wichtig, Wirtschaftsentwicklung fortzusetzen, keine Arbeitsplätze zu verlieren.

EAWU-Staatschefs führten Mitte April eine Videokonferenz durch, während der sie Meinungen zur Entwicklung der Situation, Erfahrungen bei der Verwirklichung nationaler Ansätze und Programme austauschten. Der Präsident Kasachstans Qassym-Schomart Tokajew schlug vor, gemeinsame Institutionen zu nutzen, um die Richtungen zu unterstützen, die heutzutage betroffen sind. Das sind unter anderem Tourismus, Transport- und Ölbranche, Industrie. Es ist wichtig, Handlungen zu vereinheitlichen.

Wenn wir über die Beziehungen mit globalen Spielern sprechen, müssen wir die Prozesse in Weltwirtschaft verstehen. Das ist in erster Linie Deglobalisierung. Die Welt wird in „große Wohnungen“ geteilt, wo enge Kontakte vor sich gehen. Die Eurozone funktioniert zum Beispiel von sich selbst. Es gibt Gemeinschaftszonen: Großbritannien mit Australien, Kanada und andere Staaten. Für unsere Staaten ist es wichtig, dass traditionelle Beziehungen nicht nur in Kultur, humanitärer Branche, sondern auch im Business, Wirtschaft ausgebaut werden. Die EAWU-Beschlüsse der vorigen Jahre (zur Wiederherstellung von Industriekooperation, Wirtschaftsbeziehungen) müssen durch eine engere Koordinierung gestärkt werden.

Andererseits befinden sich unsere Wirtschaften neben der größten Wirtschaft der Welt – China. Wir können zurzeit eine bestimmte Spannung in den Beziehungen zwischen den USA und der Volksrepublik China, Bekämpfung der Folgen der Pandemie verfolgen. Aber die chinesische Wirtschaft bewältigt allmählich die Krisenerscheinungen. Ich denke, dass die Verknüpfung der Initiativen der Eurasischen Wirtschaftsunion mit der Initiative „Gürtel und Straße“ nachgefragt werden. Die verzögerte Nachfrage, die mit der Entwicklung der Infrastruktur zusammenhängt, wird beobachtet. Es ist sehr wichtig, diese Zusammenarbeit zu unterstützen.

Welche gemeinsamen Maßnahmen können die EAWU-Staaten ergreifen, um einen Ausweg aus der Situation mit geringeren Verlusten zu finden?

Es können sowohl innere Maßnahmen, wenn die Länder Maßnahmen zur Reaktion auf vorhandene Herausforderungen treffen, als auch gemeinsame Bemühungen in unserer Region sein. Man kann zum Beispiel neue Ketten des Mehrwertes schaffen. Man muss zuerst aber die Entwicklung der Weltwirtschaft analysieren. Heutzutage kristallisierten sich die begünstigten Bereiche (solche wie Telekommunikationsbranche) und Gebiete heraus, die wegen der Krise Verluste erleiden. Das sind Ölbranche, Tourismus, Logistik. Andererseits werden E-Commerce, Fernbildung und digitales Gesundheitswesen entwickelt.

Das Zusammenwirken auf dem Gebiet der neuen Ansätze stellt eine der wichtigsten Kooperationsrichtungen dar: Fernbildung, Ferndienstleistungen, Gesundheitswesen. Es gibt große Entwicklungen in Transport, Agrarindustrie.

Traditionelle Bereiche gerieten wegen der Pandemie in eine schwierige Lage. Andere Bereiche erhielten umgekehrt Möglichkeiten für eine schnelle Entwicklung. Das ist zum Beispiel Digitalbranche. Es stellt sich etwa heraus, dass das Coronavirus nicht nur viele Probleme heranzog, sondern auch zum Anhaltspunkt für die Entwicklung neuer Wirtschaftsbereiche wurde?

Ich denke, dass sich die Probleme des Übergangs zur Digitalisierung noch vor der Krise anhäuften. Die derzeitige Lage in der Weltwirtschaft und sogar teilweise die epidemiologische Krise trugen dazu bei. Aktiver werden die Bereiche entwickelt, wo die Qualität der Dienstleistungen nicht ausreichend hoch war. Das sind Fernausbildung in den Schulen und an den Universitäten, Telemedizin und andere Bereiche, die mit Digitalisierung, Telekommunikationen verbunden sind. Ich denke, dass sie in erster Linie unterstützt werden müssen. Es gibt auch viele andere Branchen: Entertainment, Videogaming, Essenlieferung.

Zurzeit müssen wir uns darüber informieren, welche Industrien fortschreiten werden. Für unsere Staaten ist es eine Chance, die Weltebene in neuen Bereichen zu erzielen.

Kehren wir zu den Beziehungen mit China zurück. Die chinesische Initiative „Gürtel und Straße“ stellt ein wichtiges Projekt für die Länder der eurasischen Region, insbesondere für Belarus dar. Wir entwickeln zurzeit den Industriepark „Great Stone“. Andere Projekte werden auch geplant. Wird diese Initiative zurzeit nicht gefährdet? Wir vermuten, dass die Aktivität Chinas auf dem Gebiet in nächster Zeit nachlässt.

Wir leben unter höchst unbestimmten Bedingungen. Im ersten Quartal ging die chinesische Wirtschaft um gute 6,8% zurück. Dieselben Situationen machen die Wirtschaften von entwickelten Staaten, der Vereinigten Staaten von Amerika einschließlich durch. Da die Wirtschaft Chinas als erste zurückging, wird sie als erste belebt. Im April stieg der Exporterlös Chinas gegenüber dem Vorjahr an. In mittelfristiger Perspektive hat die chinesische Wirtschaft alle Chancen für eine schnelle Belebung. Das sind unter anderem entwickelte digitale Dienstleistungen, ausgebildetes Personal.

Andererseits setzen die Weltwirtschaften die Kommunikation miteinander. Man muss die Infrastruktur ausbauen. China wird sich darauf fokussieren. Die Vernetzung der Initiativen der Eurasischen Wirtschaftsunion mit dem Projekt „Gürtel und Straße“ ist dabei logisch. Ich glaube, dass die Kontakte im Rahmen solcher Integrationsinitiativen und bilaterale Kontakte – China-Russland, China-Belarus, China-Kasachstan nur wachsen werden. Solche Projekte wie Chinesisch-belarussischer Industriepark und das Zusammenwirken der Digitalindustrien unserer Staaten werden ausgebaut.

Kleine und mittlere Unternehmen, insbesondere Dienstleistungsbranche werden zurzeit von der Krise am meisten betroffen. Einige versuchen, ihr Geschäftsmodell neu zu gestalten, neue Richtungen zu entwickeln. Andere warten ab. Dritte können ihr Business weder umbauen noch abwarten. Was können sie den Unternehmern raten, wie sie sich schneller an die vorhandenen Realien anpassen? Vielleicht erarbeitet ihr Zentrum Unterstützungsmaßnahmen für kleine und mittlere Unternehmen im EAWU-Raum?

Die Rolle der kleinen und mittleren Unternehmen ist von großer Bedeutung. In der chinesischen Wirtschaft, von der wir eben gesprochen haben, werden 80% der Arbeitsplätze von kleinen und mittleren Unternehmen geschaffen. Vielleicht haben die größten Wirtschaften der Welt dieselben Ziffern. In unseren Staaten beträgt der Anteil an kleinen und mittleren Unternehmen etwa 30% des BIPs. Kleine und mittlere Unternehmen beginnen erst, ihren Platz in der Struktur unserer Wirtschaften einzunehmen. Kleine Unternehmer verfügen über kein Sicherheitskissen, aber sie sind flexibler.

Für einige Bereiche treten die Schwierigkeit für 2-3 Jahre, für andere für immer ein. Ich denke, dass kleine und mittlere Unternehmen als erste die Notwendigkeit weiterer Digitalisierung ihrer Dienstleistungen und eines flexiblen Geschäftsmodells einschätzen mussten, um sich in neue Trends zu fügen.

Internationales Finanzzentrum „Astana“ ist ein Bestandteil einer besonderen Organisation- Weltverbandes der internationalen Finanzzentren. Zurzeit denken wir mit anderen Finanzzentren über mögliche methodologische Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen nach. In vielen Staaten werden die Unternehmer bedeutend unterstützt. Die Börse Mailand gewährt den kleinen und mittleren Unternehmen Zugang zu Datenbanken der Universitäten und Großunternehmen, Datenbanken der Staatsbehörden, damit sie sich leichter an die Nachfrage im Staat anpassen. Deutsche Entwicklungsbank gewährt Antikrisenanleihen und Kredite.

Kleine und mittlere Unternehmen müssen vielleicht ein Anpassungsmodell erarbeiten. Wir werden dazu im Rahmen der Eurasischen Wirtschaftsunion beitragen. Ich denke, dass kleine und mittlere Unternehmen eine gute, flexible und große Zukunft besitzen. Die nächsten zwei-drei Jahre werden Schwierigkeit bereiten, weil man Geschäftsprozesse umgestalten, Geschäftsmodelle anpassen, Zugang zur Liquidität sicherstellen muss.

Es ist offensichtlich, dass die Pandemie die Ausbildung und den Arbeitsmarkt verändert. Bereits am Anfang begannen viele Unternehmen, online zu arbeiten und die Universitäten, online zu studieren. Wie wirkt es sich künftig auf den Arbeitsmarkt aus?

Ich sehe zwei Herangehen. Wenn alles schnell endet, kehren wir in unsere Büros zurück und können die Universitäten wieder besuchen. Ich denke, dass zurzeit die Regeln des Spiels geändert werden und die Ausbildung zu einem neuen Status quo übergehen muss. Worum geht es?

Während wir früher beim Abschluss der Universität zum letzten Mal am Bildungssystem teilnahmen, so wechseln die Menschen heutzutage häufiger von einem Beruf zum anderen. Das kann alle drei, fünf, zehn Jahre zustande kommen. Das geht immer schneller vor sich nicht nur wegen der heutigen Lage mit der Krise. Es wird in erster Linie mit der vierten wissenschaftlich-technischen Industrierevolution verbunden, die mit einer großen Robotisierung, Entwicklung des Kunstintellekts einhergeht. Wir müssen unsere Berufe sehr oft ändern, neue Kenntnisse erwerben. In dem Zusammenhang gewinnt die Möglichkeit eines kontinuierlichen Fernstudiums an neuer Bedeutung. In vielen westlichen Staaten sowie in unseren Ländern sind solche Plattformen wie Coursera EdX gefragt, die einen Zugang zu universitären Datenbanken gewähren.

Die Möglichkeiten einer Fernausbildung werden in den Schulen und Universität breiter eingesetzt. Je schneller wir auf gute Fernausbildung umsteigen, desto leichter können wir uns an neue Herausforderungen künftig anpassen. Das geht den Zugang zu globalen Datenbanken an: zu den besten Vorlesungen, Universitäten, besten Unterrichten, Vorbereitungen auf die Olympiade. Für unsere Länder, in denen die Ausbildung seit den Sowjetzeiten hoch eingeschätzt wird, wo es gute technische und naturwissenschaftliche Schulen gibt, bringt es Nutzen.

Unser Finanzzentrum hat ein besonderes Institut, wo Fern- und Präsenzausbildung verbunden werden. Junge Spezialisten aus Finanzindustrie können Zertifikate für Finanzanalyse des Weltniveaus, Audit erhalten.

Eine weitere Richtung stellt die Vorbereitung von Programmierern dar. Im Zeitalter der Digitalisierung sind diese Spezialisten sehr gefragt. Kasachstan, Russland, Ukraine und Belarus verfügen über gute Erfahrungen bei der Entwicklung von Schulen für Programmierer. Wir arbeiten zurzeit an einer Fernschule für Programmierer.

Die Pandemie überraschte auch die globalen Investoren. Wie hat sich ihr Benehmen in Krisenzeiten verändert? Ist die Krise für sie die Zeit von Möglichkeiten oder müssen sie sich nun lieber verstecken?

Das ist nicht die erste Krise. Wir haben auch andere epidemiologische Krisen durchgemacht. Solche Ereignisse fördern Protektionismus in Weltwirtschaft. Zweifellos gehen globale Investoren in die „ruhigen Häfen“, wenn eine Deglobalisierung vor sich geht und sich die Staaten voreinander schließen.

Heutzutage wandern die Investoren von so genannten emerging markets (Entwicklungsmärkten) ab. Sie verlassen auch unsere Länder. Die Investoren legen ihr Geld entweder in die Tresorscheine der Entwicklungsstaaten der „G7“ oder in die Aktionen der größten Weltunternehmen an. Diese Prozesse sind in der Regel kurzfristig. Auf eine Ebbe folgt aber eine Flut der Globalisierung.

Die globalen Investoren werden ihr Geld in die interessantesten Aktiva anlegen. Dabei sind Investitionsgarantien wichtig. Das sind in erster Linie Transparenz, Stabilität der Gesetzgebung, klare Spielregeln.

Wenn die Welt in Makroregionen aufgeteilt wird, ist die Verbindung zwischen ihnen ausschlaggebend. Ich denke, dass unser Internationales Finanzzentrum zu einem solchen Verbindungskanal wird. Wir werden vielleicht die Rolle einer Pufferzone spielen. Viele Betriebe im postsowjetischen Raum werden durch uns Zugang zu Investitionen der globalen Investoren erhalten.

Die Kehrseite der Medaille sind angehende Unternehmer, die nach Investitionen suchen. In Belarus, wo IT-Branche stark entwickelt ist, werden viele Start-ups gestartet. Sie suchen fast ständig nach Investoren. Was können sie nun unternehmen, wenn die Weltwirtschaft von der Pandemie betroffen ist? Es ist allem Anschein nach nicht die günstigste Zeit für die Suche nach Investitionen. Wie ändert sich die Nachfrage ihrer Meinung nach angesichts der Änderungen in traditionellen Wirtschaftsbereichen?

Wir unterstützen eine Landschaftsänderung in Finanzindustrie, Entwicklung von Bereichen, die auf neuen Technologien fußen. Das sind in erster Linie Finanztechnologien, juristische Technologien, regelnde Technologien. Wir setzen große Hoffnungen in den Ländern des postsowjetischen Raumes in solche Bereiche wie finanziell-technische und agrartechnische Industrie. In Belarus gibt es sehr viele Unternehmen, die sich auf Schaffung neuer Technologien in diesen Bereichen konzentrieren. Alle Wirtschaften suchen nach solchen Start-ups. Sie befinden sich traditionell in der „Silicon Valley“, Israel, China.

Die Start-ups dürfen sich aber nicht auf die Suche nach Investoren oder Venture-Investitionen nur in diesen Ländern beschränken. Wir werden auch gute Möglichkeiten im postsowjetischen Raum finden. Unser Finanzzentrum kann dabei Unterstützung leisten. Unsere Plattform ist in Abu Dhabi, Dubai, Katar bekannt. Wir kommunizieren mit chinesischen Venture-Investoren, die nach ähnlichen Start-ups unter anderem im postsowjetischen Raum suchen. Wir pflegen enge Kontakte mit europäischen Strukturen. Ich denke, dass der Austausch von Informationen durch Plattformen des Internationalen Finanzzentrums Astana auch belarussischen Startuppers hilft, die wir zu einer aktiven Zusammenarbeit mit unserem Finanzzentrum einladen.

Ich denke, dass das Interesse der Venture-Investoren und Business-Angels an Start-ups wegen der Digitalisierung der ganzen Weltwirtschaft nur wächst.

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