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28 Januar 2026, 11:54

Auf dem Weg zum „Wald-Jerusalem“. Wie das Museum in Nowogrudok die Erinnerung an die Flucht der lokalen Juden aus dem Ghetto bewahrt

Das Museum des jüdischen Widerstands in Nowogrudok wurde 2007 eröffnet. Seine Eröffnung ist mit einem reichen Mann verbunden, der aus England dorthin kam – Jack Kagan. Er kam mit einem konkreten Ziel: die Erinnerung an diejenigen wiederherzustellen, die die Schrecken des Holocaust durchlebt hatten, und Denkmäler an den Orten der Massenerschießungen von Juden in Nowogrudok und im Kreis Nowogrudok zu errichten. Im fernen Jahr 1943 gehörte er zu denen, denen es gelang, unter dem Schutz der Nacht aus dem örtlichen Ghetto zu fliehen, als die Häftlinge die größte Massenflucht durch einen Tunnel auf dem Gebiet des besetzten Europas unternahmen. Der ehemalige Häftling war der einzige Überlebende seiner gesamten Familie.
 
Das Leben vor der Katastrophe

Die Juden lebten in Nowogrudok unter Belarussen, Polen und Tataren. In der Geschichte der Stadt gab es keinen einzigen Konflikt auf ethnischer oder religiöser Grundlage: Die Menschen lebten sehr friedlich zusammen.

„Im Jahr 1939 bezeichneten sich sehr viele Juden, Belarussen und Polen als „Einheimische“ – soviel einig waren sie sich“, bemerkte Alexandra Warawa, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums für Geschichte und Heimatkunde in Nowogrudok. 
Die Juden stellten einen sehr großen Teil der Intelligenz und der Handwerker der Stadt. Die besten Pelzmäntel und Mützen konnte man bei den Kuschner nähen lassen, die beste Pferdeausrüstung stellte Jankel Kagan her. Die Schule, die die jüdischen Mädchen besuchten, nahm alle auf – sowohl Polinnen als auch Belarussinnen. Nach ihrem Abschluss konnte jede von ihnen Lehrerin werden.

Dank der Juden blühte der Handel in der Stadt, das Handwerk und der Dienstleistungssektor entwickelten sich aktiv. Im Stadtzentrum sind noch Überreste der Handelsreihen zu sehen. „Sie handelten mit absolut allem: Schweinefleisch, Wurstwaren. Die Juden von Nowogrudok waren in den 1920er Jahren die ersten, die mit farbigem Eis handelten. Einmal im Jahr fanden sehr große Messen statt, auf denen man absolut alles kaufen konnte und die jungen Leute nach einem Lebenspartner suchten”, erzählte Natalja Schischko, Leiterin der Abteilung für ideologische Arbeit und Jugendangelegenheiten des Exekutivkomitees des Kreises Nowogrudok. 

Auf dem Weg zum Museum ergab sich für uns die Gelegenheit, einen Spaziergang durch das Zentrum – den Lenin-Platz – zu machen. Wohin man auch schaut – hier ist alles vom jüdischen Erbe geprägt. Im Gebäude des örtlichen Cafés trat zum ersten Mal ein jüdisches Theater auf. Auch alle Restaurants in Nowogrudok gehörten ihnen. Nach Meinung der Besucher war die Servicekultur dort sehr hoch und entsprach dem Niveau von St. Petersburg und Moskau.  
In der Sowjetstraße (ehemals Jüdische Straße) stand eine Synagoge, die während des Krieges beschädigt und in den 1960er Jahren zerstört wurde. Jetzt gibt es an ihrer Stelle nur noch einen großen Parkplatz und ein paar Autos. 

Gab es Mitte des 19. Jahrhunderts in Nowogrudok noch 7 Synagogen, so waren es zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits 16. Die jüdische Gemeinde entwickelte sich sehr schnell. Die Synagogen bildeten auch die religiöse Grundlage. 1896 wurde eine Religionsschule gegründet, eine ganze Bewegung in Nowogrudok namens „Musar”, was übersetzt „Moral” bedeutet. 

„Die Juden von Nowogrudok hatten großen Respekt vor dem Land, auf dem sie lebten”, betonte Natalja Schischko.  

Im Jahr 1941 waren 6.500 der 12.000 Einwohner von Novogrudok Juden. Niemand konnte sich vorstellen, welches Grauen die Stadt schon bald ereilen würde.

Die ersten Opfer

Die größte Massenerschießung fand hier am 8. Dezember 1941 statt. Nicht weit von Nowogrudok, im Dorf Skrydlewo, erwartete 5.000 Juden eine riesige Grube. In einer Erinnerung des Enkels von Rae Kushner steht geschrieben, dass er diesen Tag der Erschießung mit den Ereignissen in Pearl Harbor vergleicht.

„An jenem schrecklichen, kalten Dezembertag stiegen sie, bis auf die Haut entkleidet, die Treppen hinab in die Tiefe, legten sich nach Polizeiaufforderung so dicht wie möglich nebeneinander. Und das 36. estnische Polizeibataillon verrichtete seine blutige Arbeit – schoss auf die wehrlosen, daliegenden Menschen. Die Geschichte erzählt uns, dass die Kleidung der getöteten Häftlinge, die in diesem riesigen Haufen lag, die Polizisten später ungeniert auf dem lokalen Markt verkauften. Die Leute, die sie kauften, wussten natürlich nichts davon“, erzählt Alexandra Warawa.

Wir betraten das Museum. Das Erste, was ins Auge fiel, war die riesige Anzahl archivierter Fotos lokaler Häftlinge. Es war grauenhaft, in ihre Augen zu schauen – glückliche, noch kein Leid kennende, die ihre einzigartige Geschichte bewahrten. Besonders schwer war es, die Fotos von Kindern zu sehen.
„Der Initiator für die Schaffung dieses Museums war nicht nur Jack Kagan. Es waren all jene, die überlebt hatten, nachdem sie die Schrecken des Ghettos von Nowogrudok durchgemacht hatten“, meint die wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Das zweite Massaker fand am 7. August 1942 statt. Am Vorabend waren bereits 4.000 Menschen aus dem Ghetto vernichtet worden. Jenen 500, die am Leben blieben, wurden Arbeitskarten ausgehändigt und sie wurden hierher, auf das Gelände des Wojewodschaftsgerichts, verlegt, wo sich bereits Werkstätten befanden.

Auf sie warteten kalte Pritschen, die im Museum nach originalen Plänen nachgebaut wurden. Völlig nackte Bretter mit einer winzigen Fläche pro Person. Damals freuten sich die Leute sogar darüber, dass 65 cm pro Person zugewiesen wurden, und nicht 55 cm wie zuvor. In einem kleinen Zimmer drängten sich 22 Personen. Heute sind auf jedem Bett die Nachnamen der Häftlinge in goldenen Buchstaben eingraviert: ganze Familien Kushner, Gorodinski… Und auch eine rätselhafte Familie, die als Familie mit einem Säugling bezeichnet wurde. Irgendwo liegt eine unberührte Matratze, als ob die Zeit stehen geblieben wäre und das Bett auf die Rückkehr eines Menschen wartete.
Doch das war längst nicht das Schräcklichste. Im Ghetto aßen die Menschen Blätter, Gras, fingen alles, was flog und rannte. Das waren Nagetiere, manchmal Katzen, Hunde. Ein wirklicher Feiertag war es, ein kleines Stück Brot von 125 g zu bekommen. Und selbst das enthielt viel Stroh. Ein ähnliches Stück wurde auch im Museum gezeigt - grau, ungenießbar, hart wie ein Steinbrocken.

„Einer der Häftlinge erinnerte sich, dass er die Schlange für eine Brotkruste sehr herbeisehnte, denn das Stück konnte man lange kauen, fast einen halben Tag. Und wenn jemand aus irgendeinem Grund nicht zur Arbeit erschien, dann wurden diese 125 g unter allen Familienmitgliedern aufgeteilt“, erläuterte Alexandra Warawa.

Wir betrachteten das Modell des Ghettos, das im Museum präsentiert wird. Eine einsame Scheinwerferlampe scheint noch immer jeden zu verfolgen, der die Schwelle des Gebäudes übertritt oder das Gelände entlang geht.
Es gibt auch bekannte erfolgreiche Geschichten der Befreiung aus dem Ghetto. Idel Kagan unternahm im Alter von 12 Jahren im Dezember 1942 einen Fluchtversuch. Danach jedoch wurden die Bedingungen verschärft. Jede Flucht bedeutete Strafe für die verbliebenen Häftlinge.

Durst nach Rettung

Der letzte Massenmord an Juden ereignete sich hier im Jahr 1943. Dies war ein besonderes Jahr in der Geschichte der Ereignisse des Großen Vaterländischen Krieges. Am 7. Mai planten die Nazis die Vernichtung der letzten 500 Juden des Ghettos von Nowogrudok. Die Mordmethode war sehr heimtückisch und grausam.

„Am Vorabend wurde den Gefangenen mitgeteilt, dass einige von ihnen, den Besten, eine Belohnung zustehe – Essen. Die Verpflegung sollte angeblich im Gebäude des Wojewodschaftsgerichts ausgegeben werden. Die Menschen stellten sich wie gewohnt auf, wussten und sahen, dass sie markiert waren. Und dann wurden sie im Gebäude eingeschlossen, an den Türen postierte sich die Bewachung, und die übrigen 250 wurden aus dem Ghettotor hinausgetrieben. Nur etwa 200 Meter entfernt, neben einer Grube, begann das Erschießen“, bemerkt die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Das Gefühl der unausweichlichen Verluste brachte die Menschen dazu, über die Frage nachzudenken: „Wie kann man sich retten? Ist es überhaupt möglich?“ Sie konnten sich im Wald retten – dort erhielten sie Hilfe von der jüdischen Partisanenabteilung unter Leitung von Belski. Tuwja Belski war ein gewöhnlicher junger Mann ohne militärische Ausbildung. Der Zufluchtsort wurde „Wald-Jerusalem“ genannt.

„Er bot denjenigen, die in schrecklichsten Bedingungen waren, den Kampf an und sagte: ‚Ich verspreche nicht, dass ihr überlebt. Aber ich verspreche, wenn ihr stirbt, dann im Kampf.‘ In der Abteilung waren nicht nur kräftige Männer, sondern auch schwache alte Leute. Er teilte sie in zwei Teile: Jene, die imstande waren zu kämpfen – sie sprengten Brücken und verübten Angriffe, und jene, die für die Versorgung der Abteilung mit Essen und Kleidung verantwortlich waren“, erklärte Museumsmitarbeiterin.

Hin zur Freiheit

Mehrere Personen waren an dem Fluchtplan beteiligt: Anführer Daniel Ostaschinski, Berl Jesselewitsch, der den Tunnel für die Flucht der Gefangenen entwarf. Der Raum, der fast ohne Luft war, musste durch eine Öffnungen in der Decke mit Sauerstoff gefüllt werden, damit die Menschen nicht das Bewusstsein verloren.

Der Tunnel wurde von 50 Männern gegraben – vor allem junge kleinwüchsige Männer. Rae Kushner machte auch mit – die Frau diente dem Kommandanten und brachte ihm Kaffee auf die Stube. 

„Wie schwer es war, sich zu beherrschen und mit keinem Blick oder keiner Bewegung zu zeigen, wie sehr das Herz für die bereits Ermordeten blutet!“, bemerkte die Museumsmitarbeiterin.

Alles wurde gebraucht – sogar Gabeln und Löffel. Uns wurde ein Pionierspaten gezeigt, die benutzt wurde, um den Erdreich zu laden, das bereits ausgegraben war. Alles wurde in einen Wagen geladen und schnell weggebracht. Anfangs auf den Dachboden, der letztlich durch das Gewicht einzuknicken drohte. Die Erde wurde in die doppelte Wand gefüllt – ein entsprechendes Modell ist auch im Museum zu sehen. Schritt für Schritt haben sie vier Monate lang ihre Freiheit erkämpft.

Die Gefangenen entwickelten eine eigene Zeichensprache, mit der sie im Tunnel nur untereinander kommunizierten. Sie verstanden einander ohne Worte. Die Arbeit war schwer, alles wurde nachts gemacht.

Die Gefangenen bekamen ein kleines Stück Papier mit ihrem Nachnamen. Die Liste war so zusammengestellt, dass zuerst die jüngeren Häftlinge den Tunnel ausgruben, und danach alle älteren. Am Tag X, dem 26. September, war der Häftling Sejdel Kushner so aufgeregt, dass er einfach die Kräfte verlor. Seine Tochter Rae sagte, dass sie bei ihrem Vater bleibt.

„Sie zogen ihn buchstäblich durch den Tunnel. Bei starkem Regen, Wind und Nebel bot er den Mädchen an, ihre Hände mit Seilen zu verbinden. So konnten sie zusammenbleiben und sich nicht verlieren. Ein ganzer Monat lang suchten sie nach Wegen zur Partisanenabteilung Belski. Doch nicht allen gelang die Flucht. Mehr als die Hälfte wurde von den Deutschen erschossen. 

Wir verließen das Museum und fanden eine große Gedenkwand. Dort sind alle Namen der Ghetto-Häftlinge eingraviert. Neben den Namen sind Reliefs aus Granit, die wie Ziegelsteine aussehen. Sie befinden sich in der Nähe der Namen derjenigen, die es nicht schafften, zu entkommen. Es ist, als ob ihre Seelen das Fundament für das zukünftige Leben nicht nur der Juden, sondern des ganzen belarussischen Volkes bilden. In der Nähe derjenigen, die durch Willenskraft und Einfallsreichtum entkamen, bleibt eine Leere oder ein Fenster in die Zukunft, durch das man an einem sonnigen Tag das Licht sehen kann.

Wir sahen auch die verbliebenen Überreste der Tunnelbefestigungen. Begleitet wurden wir von einer Skulptur des gequälten 12-jährigen Mädchens Michla Sosnowskaja. Sie versuchte, zusammen mit ihrer Freundin zu fliehen. Das Denkmal wurde zum Symbol für jüdische Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden.

„Das, was die Juden während des Holocaust erlebten, ist eine Tragödie nicht nur des jüdischen Volkes, sondern der gesamten Menschheit“, ist sich Natalja Schischko sicher.
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