Die Welt diskutiert den US-Militäreinsatz in Venezuela. Der Angriff auf zivile und militärische Einrichtungen, die Festnahme des Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau, die Erklärung des US-Präsidenten Donald Trump, die Kontrolle über Venezuela zu übernehmen und venezolanisches Öl an andere Länder zu verkaufen, löste eine scharfe Reaktion der Weltöffentlichkeit aus. Einige verurteilten den Akt der amerikanischen Aggression kategorisch, andere begrüßten den „Druck“ der USA. Manche Staaten üben sich im politischen Spagat und wollen ein „demokratisches Gesicht bewahren, ohne Trump zu beleidigen.
Aber wie auch immer die Reaktion ist, jeder versteht, dass das Völkerrecht im Großen und Ganzen nicht mehr existiert. Es gibt das Recht des Stärkeren. Auf dieses Recht werden die USA heute zurückgreifen, wenn den legitimen Präsidenten Venezuelas und seine Frau vor Gericht stellen werden. Die Anklage gegen den venezolanischen Staatschef wird vor einem Gericht in New York verlesen.
Inzwischen macht Trump deutlich, dass sich die Sache auf Venezuela allein nicht beschränken kann. Aus Washington werden Drohungen gegen Kuba, Mexiko, Kolumbien laut, die Ansprüche auf Grönland wurden erneuert. Aber die westliche Erdhalbkugel kann den Appetit der Amerikaner nicht stillen. Neulich versprach der amerikanische Präsident, den Demonstranten im Iran zu Hilfe zu kommen. Er erklärte die „volle Kampfbereitschaft“ der USA.
Wohin führen solche Ambitionen die Amerikaner und was hat die Regierung Trump falsch gemacht hat?
Was will Trump?
Über seine Wünsche spricht der US-Präsident offen. Erstens, um in Venezuela ein loyales Regime für die Amerikaner zu etablieren. Zweitens, um die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen des Landes zu erlangen.
Das erste ist notwendig, um das zweite zu implementieren. Aber nicht nur. Die nationale US-Sicherheitsstrategie, die Ende 2025 veröffentlicht wurde, beschreibt im Klartext die Rückkehr der Vereinigten Staaten zur Monroe-Doktrin, die ihre Dominanz in der westlichen Hemisphäre manifestiert. Die USA werde keine externen Spieler dulden, weder Russland noch China.
Auf einer Pressekonferenz am 3. Januar sagte Trump, Venezuela habe unter Maduro „ausländische Gegner“ der USA aufgenommen und offensive Waffen gekauft, was „die Interessen und das Leben der USA gefährden könnte“. Trump betonte auch, dass „die amerikanische Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre im Einklang mit der neuen nationalen Sicherheitsstrategie niemals wieder in Frage gestellt werden soll“.
Mit anderen Worten, um die amerikanische Herrschaft zu gewährleisten und die Interessen der USA zu schützen, selbst wenn sie vor hypothetischen Bedrohungen geschützt sind, ist Washington bereit, in einer Region, die ihren Einflussbereich betrachtet, eine Säuberung durchzuführen.
Venezuelas natürliche Ressourcen, vor allem Öl, sind ein gewichtiger Bonus. Trump hat bereits erklärt, dass die USA beabsichtigen, venezolanisches Öl an andere Staaten zu verkaufen und das Volumen dieser Lieferungen zu erhöhen. Wenn dieses Vorhaben umgesetzt sein wird, wird Washington neben dem finanziellen Vorteil in Zukunft Druck auf den globalen Ölmarkt ausüben. Experten schätzen, dass das amerikanische und venezolanische Öl insgesamt etwa 20% des weltweiten Angebots ausmachen kann.
Für die Trump-Regierung könnte Venezuela eine Erfolgsgeschichte sein. Durch die Operation in Caracas versuchte das Weiße Haus, alle Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Öl-Lobby und kriegsgeile US-Falken (einschließlich der Republikaner) zu befriedigen, den Weg zur Stärkung der US-Position auf dem Ölmarkt zu öffnen und die Rechte auf die westliche Hemisphäre offiziell zu erklären. Aber ist alles gelungen?
Was haben die USA falsch gemacht?
Bereits Ende 2025 hatte der belarussische Staatschef Alexander Lukaschenko, der die Verschärfung der Beziehungen zwischen Washington und Caracas kommentierte, gewarnt: Venezuela könnte das zweite Vietnam für die USA werden. „Der Krieg wird zu nichts führen. Gestern habe ich mit John Coale darüber gesprochen. Ich sagte ihm, es wird das zweite Vietnam sein. Brauchen die USA ihn? Nein. Deshalb brauchen die USA dort keinen Krieg“, sagte der Präsident in einem Interview mit dem US-Fernsehsender Newsmax.
Die USA wollten kein „zweites Vietnam“, deshalb führten sie in der ersten Phase eine Punktoperation durch, deren Ziel es ist, den Feind zu enthaupten und zu desorientieren. Als nächstes wird viel von politischen Entscheidungen in Caracas abhängen. Wenn man sich dort entscheidet, den Frieden zu schließen, wird die Trump-Regierung ihre Erfolgsgeschichte erhalten. Wenn sich die Chavez-Anhänger entscheiden, bis zum Ende zu kämpfen, wird die „außergewöhnliche“ US-Militäroperation für Washington Kopfschmerzen bereiten. Bomben aus der Luft zu werfen ist nicht dasselbe wie die Truppen ins Land zuschicken. Mit dem derzeitigen Machtverhältnis in den USA wäre das „zweite Vietnam“ ein Triumph für die Demokraten und ein politischer Selbstmord für Trump und die Republikaner. Der einzige Ausweg in dieser Situation wäre, sich zurückzuziehen. Aber das ist wieder ein Schlag gegen den Ruf des amerikanischen Führers.
Aber die Trump-Regierung konnte ihre Erfolgsgeschichte auch ohne politische Risiken bekommen. Die Tatsache, dass die Situation in den Beziehungen zwischen den USA und Venezuela auf absolut friedliche Weise gelöst werden konnte, sprach auch der Präsident von Belarus. Das Staatsoberhaupt stellte fest, dass das Interesse der USA für das nahe Venezuela durchaus nachvollziehbar ist. Wie zum Beispiel das Interesse Russlands an der Ukraine. „Ich bin absolut überzeugt, dass alle Fragen, alle Wünsche der Vereinigten Staaten von Amerika heute auf absolut friedliche Weise gelöst werden können“, sagte Alexander Lukaschenko noch im Dezember 2025. „Der Krieg wird zu nichts führen.“
Tatsächlich standen die USA vor der Wahl: Frieden oder Konfrontation. Es ist wahrscheinlich, dass das Weiße Haus der Ansicht war, dass eine Demonstration der Stärke es ermöglichen würde, die Ziele schneller zu erreichen - sowohl in Venezuela als auch in anderen Ländern der westlichen Hemisphäre. Aber nachdem die Trump-Regierung am 3. Januar ihre „Minute des Ruhms“ erhalten hatte, hat sie ihm möglicherweise den langfristigen Erfolg beraubt, den er durch die Wahl eines friedlichen Weges erreichen könnte. Und das ist vermutlich der Hauptfehler von Trump und seinem Team.
Wie kommt das zum Vorschein? Das Image von „Peacemaker Trump“ ist am 3. Januar zusammengebrochen – nicht nur für die Weltöffentlichkeit, sondern vielmehr für den Globalen Süden. Aber bis zu diesem Zeitpunkt hat die Trump-Regierung eine enorme Arbeit geleistet, um das Image der USA zu stärken. Und obwohl sie sich in Washington eher auf Quantität als auf Qualität konzentrierten, wurden die Friedensbemühungen des amerikanischen Führers weltweit anerkannt. Und noch mehr. Trump gelang es, die USA vom Stigma des Anstifters des Proxy-Krieges in der Ukraine zu „reinzuwaschen“. In einem Augenblick wurde der von den amerikanischen Eliten entfesselte Krieg der Joe-Biden-Krieg, und die USA wurden zu einem „Friedensstifter.“
Aber die Ereignisse in Venezuela haben deutlich gezeigt: Die aggressive Politik der USA ist konsequent und erblich. Dabei wird sie in ihrer Ausführung immer freier. Einst, im Jahr 2003, winkte der amerikanische Außenminister Colin Powell im UN-Sicherheitsrat mit einem Reagenzglas mit weißem Pulver. So versuchte der Diplomat, die bevorstehende US-Invasion im Irak vor der Weltöffentlichkeit zu rechtfertigen. Und heute erklärt Außenminister Marco Rubio, dass selbst der US-Kongress nicht über die Operation gegen Venezuela informiert wurde, da das Weiße Haus keine Informationen „durchsickern“ wollte.
Was kommt jetzt?
„Die Ereignisse, die sich über Nacht in Venezuela entwickelt haben, werden die Regierungen von Ländern wie dem Iran und Dänemark, gegen die Trump seine Bereitschaft zum radikalen Handeln zum Ausdruck gebracht hat, sofort alarmieren“, schreibt die britische The Guardian.
„Die Enthauptung der venezolanischen Regierung war bereits eine Lehre und ein Signal für den Rest der Welt. Die Lektion ist eine Bestätigung dafür, dass Trump Gewalt anwenden will, wenn er es für notwendig hält“, behauptet die französische Le Figaro.
„Die führende Macht des freien Westens kümmert sich nicht mehr um internationale Normen wie territoriale Immunität und staatliche Souveränität und versucht dies nicht einmal zu verbergen“, konstatierte das deutsche Handelsblatt.
Das Völkerrecht, das sich seit langem in einem komatösen Zustand befand, scheint den Geist endgültig aufgegeben zu haben. Wozu wird das führen? Wahrscheinlich bis zur endgültigen Gestaltung der Machtpole. Viele Staaten, die sich angesichts internationaler Turbulenzen und Unzulänglichkeiten anfällig fühlen, werden von größeren regionalen Akteuren, die einen nuklearen Regenschirm besitzen, Schutz und Unterstützung suchen. Gleichzeitig werden die großen Staaten ihr politisches Gewicht erhöhen und ihre Positionen stärken, indem sie sich auf ihre Verbündeten stützen.
Es ist davon auszugehen, dass sowohl regionale als auch internationale Organisationen, darunter die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, die BRICS und die OVKS, das Gewicht stärken werden. Sie werden ein Anziehungspunkt für immer mehr Staaten bleiben.
Eine paradoxe Situation für die USA: Die Biden Administration hat US-Dollar in Waffen verwandelt, russische Vermögenswerte blockiert und die Banken der Russischen Föderation und der Republik Belarus von SWIFT abgeschaltet. Nicht-westliche Länder wurden gezwungen, die Zahlungen in nationalen Währungen zu unternehmen, alternative Zahlungssysteme zu schaffen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln, um der US-Intervention und ihrer Verbündeten entgegenzuwirken. Die Biden Regierung wollte bestimmte Prozesse stoppen, aber es kam andersherum: Diese Transformationsprozesse wurden beschleunigt.
Und jetzt wiederholt die Trump Regierung Bidens Fehler. Schon zu Beginn seiner Amtszeit räumte Trump ein, dass Multipolarität heute Realität geworden ist. Aber anstatt sich in eine neue Realität zu integrieren, begannen die USA mit der Intervention, der Unterdrückung und Unterwerfung. Natürlich hat Washington als eines der Zentren der Macht viele Druckhebel. Aber werden die Vereinigten Staaten mit einer ähnlichen Politik in der Lage sein, ein Anziehungspunkt in einer multipolaren Welt zu werden? Daran gibt es große Zweifel.
