Am 12. April 1961 unternahm der sowjetische Pilot und Kosmonaut, Oberleutnant Juri Gagarin, den ersten bemannten Flug ins Weltall. Was heute fast alltäglich erscheint, war damals ein kühner Sprung ins Ungewisse. Der Triumph des ersten Kosmonauten war ein Sieg der gesamten Sowjetunion und ihrer Teilrepublik Belorussland. Wie war Juri Gagarin und was verbindet ihn mit Belarus? Darüber erzählte uns die Nichte des Kosmonauten, Natalja Gagarina.
„Es blieb keine Hoffnung mehr“
Als Student des vierten Studienjahres an der Industriefachschule Saratow wollte der angehende Gießer Juri Gagarin in den örtlichen Aeroclub eintreten. Doch das gelang ihm nicht. Es galt eine Anordnung der DOSAAF-Führung: Fachschüler und Studenten der oberen Semester durften nicht in Fliegerabteilungen aufgenommen werden. Nach dem Krieg brauchte das Land Arbeitskräfte für den Wiederaufbau der Volkswirtschaft.
„Der Leiter des Aeroclubs in Saratow war Held der Sowjetunion und Jagdflieger Grigori Denissenko, der im Krieg unter dem Kommando des legendären Nikolai Kamanin gedient hatte“, erzählt Natalja Gagarina. „Kamanin selbst hatte seinen Heldenstern bereits 1934 erhalten – für die Rettung der Tscheljuskin-Besatzung. In jenen Jahren arbeitete Kamanin in der Führung der DOSAAF der UdSSR, und ihm berichtete Denissenko von einem jungen Mann mit brennenden Augen, der unbedingt fliegen wollte. Kamanin antwortete: „Mit dem Kopf durch die Wand kommt man nicht weiter, aber man kann diese Wand umgehen. Wenn du siehst, dass jemand danach brennt, zu fliegen, dann musst du ihn nehmen.“
Ironischerweise war es eben jener Nikolai Kamanin, der am 10. April 1961 die Entscheidung der Staatlichen Kommission bekannt gab, welcher der beiden Kandidaten – Juri Gagarin oder German Titow – ins All fliegen würde. Grigori Denissenko zog später nach Gomel, wo er 55 Jahre lebte.
„Während seiner Ausbildung im Saratower Aeroclub goss Juri Alexejewitsch für Grigori Kirillowitsch vier Modellflugzeuge vom Typ Jak-18. Sie wurden im Theorieunterricht eingesetzt“, so Natalja Borissowna. „Heute befindet sich einer dieser Güsse im Museum des Swjosdny gorodok, der zweite im Museumsreservat von Juri A. Gagarin in seiner Heimat. Als wir im Minsker Aeroclub den Pavillon „Kosmos“ eröffneten, bat ich die Familie Denissenko, uns eines der Flugzeuge zu schenken. Und man übergab es uns.“
Im Jahr 1959 begann in der UdSSR eine Kampagne zur Auswahl von Kandidaten für den ersten Flug ins All. Zunächst war unklar, wer infrage kommen würde: U-Boot-Fahrer, Panzerfahrer, Piloten? Schließlich sagte Konstrukteur Sergej Koroljow, Jagdflieger seien am besten geeignet – sie fliegen mit hohen Geschwindigkeiten und treffen blitzschnell Entscheidungen. Landesweit wählte man 3461 Männer aus. Man studierte Personalakten und Krankenakten, sprach mit jedem und erklärte, dass die Tests lebensgefährlich sein könnten. Es folgten ärztliche Untersuchungen, danach wurden die Kandidaten zurück zu ihren Einheiten geschickt. Juri Gagarin kehrte an seinen Dienstort zurück – nach Luostari Nowoje (seit 1967 Korsunowo), jenseits des Polarkreises. Ein halbes Jahr lang: Nacht, Frost, Wind.
„Als Juri Alexejewitsch schon keine Hoffnung mehr hatte, kam der Befehl“, erzählt Natalja Gagarina. „Am 7. März 1960 wurde er nach Moskau beordert, wo das Training der zukünftigen Kosmonauten begann – damals gab es dieses Wort noch nicht. Im Zuge der Trainings wurden 20 Männer ausgewählt – sie bildeten die Einheit 1. Alle waren körperlich, psychisch und technisch gleich gut vorbereitet. Aber das Ärzteteam beobachtete ständig, wer von ihnen sich am besten für das riskante Experiment eignete – den ersten Flug ins All. Die Wahl fiel auf meinen Onkel Jura.
Irdische Belastungen sind stärker als die im Weltall
Nach dem Flug ins All wurde Oberleutnant Juri Gagarin sofort zum Major befördert. Er musste eine Stufe überspringen. Darüber scherzte er gern: „Mein ganzes Leben lang habe ich davon geträumt, Hauptmann zu werden, aber diese Ehre wurde mir nie zuteil.“
„Ihm fehlte jede Selbstverliebtheit“, betont Natalja Gagarina. „Bescheidenheit war ein wesentlicher Zug seines Charakters. Dabei hatte er Rückgrat. „Als man mir mitteilte, dass ich fliegen würde“, erzählte der erste Kosmonaut später, „erschien mir mein ganzes Leben als ein einziger schöner Augenblick. Alles, was bereits gelebt und getan wurde, wurde für diese Minute gelebt und getan. Und sofort wurde mir bewusst, welche Verantwortung gegenüber der gesamten Menschheit auf mich fällt.“ Er war sich völlig klar darüber, wie viele Menschen hinter seinem Flug standen.“
Ausländische Journalisten fragten ihn auf einer Reise: „Ist es nicht schwer für Sie, im Glanz Ihres Ruhmes zu baden?“ Gagarin erwiderte: „Das ist nicht mein persönlicher Ruhm. Es ist der Ruhm unseres gesamten sowjetischen Volkes und der riesigen Armee von Wissenschaftlern, Konstrukteuren und Ingenieuren, die an der Raumfahrttechnik arbeiteten und mich auf den Flug vorbereiteten.“
„Wenn man mit einem Menschen spricht, achtet man zuerst auf seine Augen, auf sein Lächeln“, sagt Natalja Gagarina. „Darin spiegelt sich die Seele. Juri Alexejewitsch war von Kindheit an sehr freundlich. Die Großmutter erinnerte sich, dass er weder Streit noch Fluch mochte. Er versöhnte alle. Sein Lächeln war ein natürlicher Ausdruck innerer Beseeltheit. Sergej Koroljow schrieb in seinen Erinnerungen, dass vor dem Start in Baikonur alle angespannt und nachdenklich waren. Nur Gagarin lächelte und strahlte wie die Sonne. Koroljow fragte: „Jura, warum lächelst du denn immer?“ – und erhielt zur Antwort: „Sergej Pawlowitsch, ich bin wohl ein unseriöser Mensch.“ Und Koroljow dachte in diesem Moment: „Möge es auf der Erde doch mehr solcher unseriöser Menschen geben.“
Nach dem Flug begann die wirklich schwere Prüfung – die Prüfung durch den Ruhm.
„Gagarin sagte selbst, die irdischen Belastungen waren stärker als die des Weltalls“, so Natalja Borissowna. „Darauf war man nicht vorbereitet. Man musste der Heldentat ständig gerecht werden.“
Nach dem Raumflug wurde Juri Gagarin praktisch zum Botschafter der UdSSR. Er bereiste fast 30 Länder, einige davon mehrmals. Es war eine äußerst schwere Arbeit – ständige Begegnungen mit ausländischen Amtsträgern. Bei einer Reise nach Großbritannien war ein Treffen Gagarins mit der englischen Königin nicht geplant. Die Beziehungen zwischen den Ländern waren sehr angespannt. Doch auch Elisabeth II. beschloss, den ersten Kosmonauten zu treffen. Und es geschah etwas, das es zuvor nie gegeben hatte. Laut Etikett durfte sich die englische Königin nicht mit einem einfachen Menschen fotografieren lassen, aber Elisabeth II. fand einen Ausweg: „Er ist kein irdischer Mensch, sondern ein himmlischer.“
„Journalisten fragten ihn: „Sie werden doch müde von all den Reisen?“ Juri Alexejewitsch antwortete: „Natürlich werde ich müde. Aber es ist notwendig.“ Und so folgten die unendlichen Besuche, Begegnungen und Auftritte aufeinander“, erzählt Natalja Gagarina. „Mit Brasilien hatte die UdSSR keine diplomatischen Beziehungen, aber nach Gagarins Reise dorthin wurden entsprechende Abkommen zwischen den beiden Ländern unterzeichnet. Das Gleiche wiederholte sich mit Ceylon und Afghanistan. Der erste Kosmonaut war im wahrsten Sinne des Wortes ein Missionar und Diplomat. Alle Türen öffneten sich vor ihm. Juri Gagarin wirkt auch heute noch für den Frieden – er tut, was er schon zu Lebzeiten getan hat. Der Maler Rockwell Kent sagte: „Euer Juri gehört nicht nur euch. Er gehört der gesamten Menschheit.“
Während seiner Auslandsreisen versuchte man ihn nicht selten in eine unangenehme Lage zu bringen. Doch ihm half sein angeborener Humor. Ein westlicher Journalist fragte Juri Alexejewitsch, wie viel man ihm für den Flug ins All bezahlt habe. Gagarin antwortete: „Darf ich zurückfragen: Wie viel würden Sie gerne für den ersten Flug ins All bekommen?“
„Ich liebe dich, Leben“
„Juri Gagarin war seinen Mitmenschen stets sehr zugewandt. Er wusste, dass jeder stolpern oder Fehler machen kann. Aber er konnte offen mit einem reden und einem den Rücken stärken. Er hatte auch seine Hobbys: Er angelte gern, ging auf die Jagd, trieb Sport. Begeistert war er von der Fotografie. Er trainierte immer, um noch weiter zu fliegen. Träumte davon, zum Mond zu fliegen“, erinnert sich seine Nichte.
Trotz seiner geringen Körpergröße spielte Juri Gagarin hervorragend Basketball. Er war Mannschaftskapitän. Zeitzeugen erinnerten sich später, wie er lächelnd Bälle von der Mittellinie aus im Korb versenkte. Juri Alexejewitsch liebte die Region Smolensk über alles und besuchte seine Heimat mit den Freunden.
„Alle in der Familie von Gagarin hatten ein gutes musikalisches Gehör und sangen viel“, erzählt Natalja Borissowna. „Ich erinnere mich, als Juri Alexejewitsch das letzte Mal zu Großvater und Großmutter kam, er stand im Türrahmen und lauschte seinem Lieblingslied ‚Ich liebe dich, Leben‘.“
Gagarins Töchter erinnern sich: Jeden Morgen, wenn er um 7 Uhr aufwachte, rannte er im Swjosdny Gorodok, wo die Kosmonauten seit 1966 wohnten, die Treppe des Mehrfamilienhauses hinunter und klingelte an allen Türen, um seine Kollegen zur Gymnastik zu rufen. Diese dauerte 40 Minuten. Juri Alexejewitsch wurde zum Abgeordneten gewählt, sprach viel vor Jugendlichen, studierte an der Schukowski-Luftwaffen-Ingenieurakademie, die er am 17. Februar 1968 mit Auszeichnung abschloss. Man empfahl ihn für ein Aufbaustudium.
„Juri Gagarin träumte davon, wieder ins All zu fliegen“, berichtet Natalja Borissowna. „Im August 1966 wurde er zum Ersatzmann von Wladimir Komarow ernannt, der zum zweiten Mal ins All flog – mit dem neuen Raumschiff ‚Sojus-1‘. Beim Abstieg im März 1967 versagte das Fallschirmsystem, und Komarow stürzte ab.“
Gagarin selbst starb am 27. März 1968 bei einem Übungsflug. Nach seinem Tod schrieb der Dichter Felix Tschujew, der den ersten Kosmonauten gut kannte, innerhalb weniger Tage das Gedicht „Schweigeminute“.
Vor seinem Flug ins All schrieb Juri Gagarin seiner Frau Walentina Iwanowna einen Abschiedsbrief. Erst 1968 wurde er der Witwe übergeben.
„Es gibt darin sehr herzergreifende Zeilen…“, bemerkt Natalja Borissowna. „Er ist ein junger Mann geblieben, obwohl er seine Mission voll und ganz erfüllt hat. Der Himmel nahm ihn auf, und die Erde verstieß ihn nicht.“
„Weltraum ist nicht meine Geschichte“?
Natalja Borissowna Gagarina wurde in der Stadt Gschatsk (seit 1968 – Gagarin) geboren, zog später nach Minsk, wo sie das Minsker Staatliche Pädagogische Institut für Fremdsprachen absolvierte und dort auch arbeitete. Die Hauptstadt Belarus‘ wurde zu ihrer zweiten Heimat.
„Die Dozenten an der Hochschule fragten mich direkt: ‚Sagen Sie mal, sind Sie vielleicht mit Gagarin verwandt?‘ Ich antwortete: ‚Nein.‘ In meiner Kindheit und Jugend schien es mir unangenehm, meine Verwandtschaft mit dem ersten Kosmonauten zu erwähnen“, erzählt Natalja Borissowna. „Ich hatte Angst, dass die Leute es erfahren und denken würden, ich würde den Namen ausnutzen. So wurden wir erzogen. In den 70er- und 80er Jahren wurde mir diese Frage oft gestellt. Die besondere Verehrung für Gagarin übertrug sich auf Menschen mit diesem Nachnamen. Mein Vater sagte immer: ‚Über andere sagen sie vielleicht nicht, dass sie etwas nicht geschafft haben – aber über dich werden sie es sagen. Weil du eine Gagarina bist und dem Namen entsprechen musst.‘ Also haben wir keinen Vorteil aus diesem Nachnamen gezogen. Erst 20 Jahre nach meinem Studienabschluss fragten mich meine Kommilitonen: ‚Also, bist du wirklich die Nichte von Juri Alexejewitsch?‘ Da gab ich es zu. Heute arbeite ich im Minsker Aeroclub, kümmere mich um internationale Zusammenarbeit und Medienarbeit. Artikel, Ausstellungen, Gespräche. Jetzt nutze ich meinen Nachnamen, um mit der Jugend zu arbeiten. Ich verwirkliche das internationale Kultur- und Bildungsprojekt ‚Der Welraum – meine Geschichte‘.“
„Ein junger Arbeiter, der gerade Batterien in einem Pavillon montierte, schaute auf die Vitrinen und sagte: ‚Schön.‘ Auf die Frage, ob ihn dieses Thema interessiere, antwortete er jedoch: ‚Weltraum ist nicht meine Geschichte.‘ Diese Worte trafen mich wie ein Schlag. Ich dachte: ‚Nein! Weltraum ist meine Geschichte! Unsere Geschichte und die unserer Jugend, der Generationen, die nach uns kommen werden. Das ist etwas, worauf wir stolz sein können!‘ Die Menschen, die an den Anfängen der Raumfahrt standen, dachten nicht an Auszeichnungen oder Geld. Sie wollten die Ersten sein.“
In dem Jahr, in dem Juri Alexejewitsch starb, wurde seine Mutter Anna Timofejewna 65 Jahre alt. Am Vorabend ihres Geburtstags riefen die Kosmonauten Alexej Leonow und Andrijan Nikolajew an und fragten, ob sie feiern wolle. Die Frau antwortete: „Nein. Wir treffen uns nur mit der Familie.“ Darauf fragte Alexei Leonow: „Wenn wir mit Andrijan zu Ihnen kämen, würden wir dann als Familie gelten?“ Anna Timofejewna antwortete: „Natürlich.“
Aus dieser Begegnung heraus entstand die Idee der Gagarin-Lesungen, die jedes Jahr am 9. März, Gagarins Geburtstag, stattfinden.
„In diesem Jahr fanden sie bereits zum 53. Mal statt. Dazu kommen Kosmonauten, Wissenschaftler, Konstrukteure, Jugendliche – auch aus Sluzk, Schodino, Tscherwen, Smolewitschi. Sie halten Vorträge über Raumfahrt und ihre Geschichte. Sluzk gilt überhaupt als Raumfahrthauptstadt von Belarus. In dieser Stadt wurden geboren: Semjon Kosberg, der Konstrukteur der dritten Stufe der ‚Wostok‘-Trägerrakete; Konstantin Gertschik und Juri Schukow, die Leiter des Kosmodroms ‚Baikonur‘ …“
„Ich träume davon, dass ein Foto von Juri Gagarin im neuen Nationalen Historischen Museum von Belarus zu sehen sein wird“, gesteht Natalja Borissowna. „Die Söhne unseres Landes haben einen unschätzbaren Beitrag zum Flug des ersten Menschen ins All geleistet. Ich denke, alle belarussischen Kosmonauten werden dem zustimmen. Sie sind eine Familie, sie haben dasselbe Blut im Leibe – das der Pioniere.“
Anmerkung:
Die Vorbereitung des ersten bemannten Raumflugs lief unter strengster Geheimhaltung. Wissenschaftler, Ingenieure und Konstrukteure arbeiteten unter Decknamen. An der Entwicklung des ersten Raumschiffs waren Fachleute aus 123 Betrieben und 36 Werken in der gesamten UdSSR beteiligt, darunter auch aus Belarus.
Am 18. April findet im Haus Moskau in Minsk die Ausstellungseröffnung „Kosmos – meine Geschichte“ statt.
Dazu werden die Kosmonauten Oleg Nowizki, Marina Wassilewskaja und Anton Schkaplerow erwartet.
Am 12. April jährt sich der erste bemannte Raumflug zum 65. Mal. Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin umrundete die Erde und landete am 12. April 1961 erfolgreich im Gebiet Saratow.
