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Die amerikanisch-israelische Operation gegen den Iran dauert nunmehr den vierten Tag an. Teheran führt Vergeltungsschläge aus – gegen Israel und gegen US-Militärbasen in den Ländern des Nahen Ostens. Es gibt keine Anzeichen für eine Deeskalation, wohl aber die berechtigte Sorge, dass die Lage in der Region außer Kontrolle geraten könnte. Die Vorzeichen dafür sind gegeben – der Angriff auf die Nuklearanlage in Natanz, die Ankündigung nahöstlicher Staaten, sich das Recht auf einen Gegenschlag gegen Teheran vorzubehalten, der Beschuss einer protestierenden Menschenmenge durch US-Marinesoldaten im pakistanischen Karatschi.
Die Ereignisse im Nahen Osten rufen „Nachbeben“ aus, die weltweit zu spüren sind. Es genügt nur ein Blick auf die globalen Finanzmärkte. Die Blockade der Straße von Hormus – der wichtigsten Öl- und Gasader – und der Stopp der Flüssiggasproduktion in Katar haben die Kohlenwasserstoffpreise in die Höhe getrieben. Derweil fürchten die EU-Staaten eine neue Flüchtlingswelle, die vor dem Krieg im Nahen Osten flieht. Wie sich die Lage entwickelt, berichten wir in unserem Beitrag.
Was geschieht im Nahen Osten?
Amerikanische und israelische Streitkräfte setzen ihre Bombardierungen des Irans fort. Heute erschütterten Explosionen die Hauptstadt und andere Städte der Islamischen Republik. Unterdessen verkündete die israelische Armee den Beginn massiver Angriffe auf Infrastruktureinrichtungen in Teheran.
Die Zahl der getöteten Iraner, darunter Zivilisten, hat sich seit Beginn der Bombardierungen der Marke von 800 Menschen genähert. Insgesamt wurden in dieser Zeit mehr als tausend Angriffe auf 153 Regionen des Irans verzeichnet.
Die israelischen Luftstreitkräfte setzten ihre Angriffe auf den Libanon fort. Beschossen werden Einrichtungen der schiitischen Hisbollah-Bewegung, die zuvor als Reaktion auf die Tötung des obersten iranischen Führers Ali Chamenei Israel angegriffen hatte. Bei israelischen Angriffen auf den Libanon kamen seit dem 2. März 40 Menschen ums Leben, etwa 250 wurden verletzt.
Der Iran hat heute mehrere Raketensalven auf Israel abgefeuert. Auch US-Militärbasen in den Golfstaaten wurden angegriffen. In der US-Botschaft in Riad kam es durch einen Drohnenangriff zu einem teilweisen Dacheinsturz. Der Iran traf zudem strategische Wasserspeicher im katarischen Mesaieed und den Industriekomplex Qatar Energy in Ras Laffan. Im Zuge der Raketenangriffe erschütterten Explosionen die Hauptstädte Katars und Bahrains.
In einer Erklärung des iranischen Außenministeriums heißt es, Teheran greife ausschließlich militärische Ziele des Gegners an. Zuvor hatte die iranische Seite alle US-Militärbasen im Nahen Osten zu legitimen Zielen erklärt. "Der Iran kann amerikanisches Territorium nicht erreichen, daher bleibt uns keine andere Wahl, als alle Basen anzugreifen, die sich unter US-Jurisdiktion befinden", so das iranische Außenministerium.
In Washington scheint man inzwischen zu begreifen, dass die Rechnung für eine schnelle Operation im Iran nicht aufgegangen ist. US-Medien berichten von einer Erschöpfung der amerikanischen Raketenbestände, einschließlich der Tomahawk-Marschflugkörper. Präsident Donald Trump weist diese Informationen zurück. Seinen Worten zufolge verfügen die USA über nahezu unbegrenzte Waffenreserven und könnten Kriege „ewig“ führen. Gleichzeitig lieferte Trump selbst Anlass, an seinen Worten zu zweifeln. In einem Beitrag auf Truth Social beschuldigte der US-Präsident seinen Vorgänger Joe Biden, amerikanische Waffen unentgeltlich an Wolodymyr Selenskyj weitergegeben zu haben. Dabei verglich Trump Selenskyj mit dem US-Showman Phineas T. Barnum.
„Der Sleepy Joe Biden hat die Zeit und das Geld unseres Landes verschwendet. Er gab das alles dem ukrainischen Phineas Barnum (Selenskyj!). Hunderte Milliarden Dollar. Und obwohl er so viele hochmoderne Waffen verschenkte (umsonst!), machte er sich nicht die Mühe, die Reserven aufzufüllen“, schrieb Trump im sozialen Netzwerk Truth Social.
Unterdessen erklärte US-Außenminister Marco Rubio, Trump schließe die Möglichkeit einer Bodenoffensive im Iran nicht aus. Die Wahrscheinlichkeit eines Bodeneinsatzes erscheint jedoch fraglich, insbesondere im Jahr der Kongresswahlen in den USA, wo der Erfolg der Republikaner maßgeblich von der Zustimmung zu Trumps Politik abhängen dürfte. Angesichts der Reaktion in der amerikanischen Gesellschaft und der Protestwelle, die durch das Land rollt, sprechen sich viele Amerikaner gegen die Bombardierung des Irans aus.
Idealer Ausweg für die USA wäre wohl der Beitritt nahöstlicher Staaten zur Operation gegen den Iran. In den Medien gab es bereits Hinweise darauf, dass die USA versuchen, die Staaten der Region zu überzeugen, gegen den Iran vorzugehen. Die Nah-Ost-Staaten ergreifen bisher jedoch lediglich defensive Maßnahmen, indem sie iranische Raketen und Drohnen über ihrem Territorium abfangen.
Das zurückhaltende Vorgehen der Golfstaaten ist durchaus verständlich. Ihre Territorien liegen in Reichweite iranischer Raketen – anders als die USA, die auf der anderen Seite der Erdkugel Krieg führen. Und anders als Israel betrachten die Golfstaaten den Iran nicht als existenzielle Bedrohung.
Und dennoch beanspruchen die Nah-Ost-Staaten ihr Recht auf einen Vergeltungsschlag gegen den Iran. Sollte es dazu kommen, würde der gesamte Nahe Osten in einen großflächigen bewaffneten Konflikt versinken.
Angespannte Lage hält in Pakistan und Irak an, wo die Operation gegen den Iran und die Tötung Chameneis Massenproteste ausgelöst haben. So versuchten Protestierende im pakistanischen Karatschi, das amerikanische Konsulat zu stürmen. Es kam zu Zusammenstößen. Die US-Marinesoldaten, die das Konsulat bewachten, eröffneten das Feuer auf die Demonstranten. Informationen über Tote oder Verletzte liegen bislang nicht vor.
Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Lage hat das US-Außenministerium mit der Evakuierung eines Teils der Diplomaten und ihrer Familienangehörigen aus den Botschaften im Irak, in Bahrain und Jordanien begonnen. Auf den Websites der Botschaften wurden Warnungen vor der Gefahr terroristischer Anschläge veröffentlicht.
Was ist über den Angriff auf die Nuklearanlagen in Natanz bekannt?
Die US-Luftstreitkräfte haben die iranischen Atomanlagen (Fordo, Natanz und Isfahan) bereits während der Bombardierungen des Irans im Juni 2025 angegriffen. Während der aktuellen Operation geriet Natanz erneut unter Beschuss und wurde nach Angaben der IAEO beschädigt.
„Basierend auf den letzten verfügbaren Satellitenbildern kann die IAEO aktuelle Beschädigungen der Eingangsbereiche der unterirdischen iranischen Urananreicherungsanlage in Natanz bestätigen“, heißt es in einer Erklärung der Organisation.
Nach Angaben der IAEO wurden keine radioaktiven Austritte registriert.
Unterdessen wird auch die iranische Stadt Buschehr, in der sich ein funktionierendes Kernkraftwerk befindet, mit Raketen angegriffen. Nach Angaben der örtlichen Behörden wurde das AKW nicht beschädigt. Der Generaldirektor von Rosatom, Alexej Lichatschow, erklärte, ein Angriff auf das AKW Buschehr, in dem 70 Tonnen Kernbrennstoff und 210 Tonnen abgebrannter Brennstoffe lagern, würde eine Katastrophe regionalen Ausmaßes verursachen. Er teilte zudem mit, dass sich noch 639 russische Mitarbeiter im AKW befänden. Es werde alles versucht, sie zu evakuieren.
Dennoch sind die Risiken einer nuklearen Katastrophe unter den Bedingungen der anhaltenden Luftangriffe immer noch hoch. Darauf machte IAEO-Generaldirektor Rafael Grossi in einer Sondersitzung des Gouverneursrates der Atomenergiebehörde aufmerksam, die von Russland aufgrund der Angriffe auf die Islamische Republik einberufen worden war. Er rief alle Konfliktparteien zu größter Zurückhaltung auf, um eine weitere Eskalation zu verhindern.
„Im Einklang mit den in der IAEO-Satzung verankerten Zielen rufe ich alle Parteien auf, größte Zurückhaltung zu üben, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Lassen Sie mich noch einmal an die zuvor verabschiedeten Resolutionen erinnern, in denen es heißt, dass bewaffnete Angriffe auf Nuklearanlagen inakzeptabel sind, da sie zur Freisetzung radioaktiver Stoffe führen können, die schwerwiegende Folgen innerhalb und außerhalb der Grenzen des angegriffenen Staates haben können“, zitiert TASS Grossi.
Was geschieht an den Weltmärkten?
Die Ereignisse im Nahen Osten haben die Öl- und Gaspreise in die Höhe getrieben. Katar hat die Produktion von Flüssigerdgas (LNG) ausgesetzt, mehrere Ölgesellschaften haben ihre Tätigkeit auf Feldern in der Region Irakisch-Kurdistan eingestellt. Darüber hinaus hat der Iran die Straße von Hormus blockiert, über die Öl und LNG aus den Ländern des Nahen Ostens transportiert werden.
Am 3. März überstiegen die Brent-Öl-Futures erstmals seit Juli 2024 die Marke von 85 Dollar pro Barrel. Auch der Benzinpreis stieg. In Großbritannien beispielsweise hat sich der Kraftstoffpreis seit dem 28. Februar fast verdoppelt. In asiatischen Ländern – Vietnam, Thailand, Sri Lanka – bildeten sich an den Tankstellen bereits kilometerlange Schlangen. Die Menschen fürchten Kraftstoffknappheit und in der Folge steigende Benzinpreise.
Der Gaspreis an der Börse in Europa erreichte erstmals seit Januar 2023 einen Wert von 785 Dollar pro tausend Kubikmeter. Der Anstieg der Notierungen seit Tagesbeginn betrug 45 Prozent.
Der Anstieg der Energiepreise führte zu einem starken Einbruch der europäischen Aktienmärkte. „Das sind panikartige Verkäufe. Es ist die Angst vor einer Stagflation. Der Markt hat das Ausmaß dieses Krieges unterschätzt", sagte Emmanuel Cau, Leiter der Strategie für europäische Aktien bei Barclays, der Financial Times.
Bloomberg macht wenig ermutigende Prognosen für die europäische Wirtschaft. Im Gegensatz zu Indien und China, die Kohlenwasserstoffe aus Russland beziehen können, könnte die Europäische Union angesichts der Ereignisse im Nahen Osten mit ernsthaften Versorgungsunterbrechungen konfrontiert werden. Sollte der Konflikt andauern, drohe der EU-Wirtschaft eine erneute Krise, so die Agentur.
Unterdessen erklärte der norwegische Energieminister Terje Aasland, die EU könne angesichts der Lage im Nahen Osten den Import von russischem Gas erneut in Erwägung ziehen. „Die EU hat klargestellt, dass sie sich von Gas und Öl aus Russland befreien will, aber in den letzten drei, vier Tagen haben sich sehr schwere Ereignisse zugetragen. Angesichts der geopolitischen Situation denke ich, dass die Diskussionen wieder aufgenommen werden“, so Aasland.
Dass die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in naher Zukunft eigenhändig mit dem Wiederaufbau von Nord Stream 2 beginnen werden, zeigte sich Kyrill Dmitrijew, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten für Investitions- und Wirtschaftszusammenarbeit mit dem Ausland, gegenüber TASS überzeugt.
„Die Gaspreise in Europa sind innerhalb einer Woche um 97 Prozent gestiegen. Die Preise werden noch viel höher sein. Wenn Sie Fragen haben, fragen Sie Ursula, Kaja und andere russophobe Politiker. Bald werden sie mit eigenen Händen Nord Stream 2 wiederaufbauen“, so Dmitrijew.
Doch nicht nur Gas und Öl bereiten den Europäern Sorgen. Der Konflikt im Nahen Osten könnte eine neue Migrationskrise in Europa auslösen. Wie das Magazin Politico berichtet, hat der EU-Kommissar für Inneres und Migration, Magnus Brunner, bereits Gespräche zu diesem Thema mit dem türkischen Außenminister Hakan Fidan geführt. In der EU bereitet man sich darauf vor, die Migrationsvorsorge zu erhöhen, die Zusammenarbeit mit den zuständigen UN-Einheiten zu verstärken und die Kontrollen der inneren Sicherheit zu verschärfen.
