Stolze Körperhaltung, buntes mehrschichtiges Set, aber viel wichtiger ist Charakter und sakrale Bedeutung. „Diese Variante der weiblichen Nationaltracht passt eher für Frauen in Blütezeit“, mit einem freundlichen Lächeln begrüßt uns Tatjana Sugljub, Leiterin des Weberei-Zirkels aus Negljubka. Sie trägt ein sattes, dreifarbiges Kleid, das die Seele der Einheimischen widerspiegelt. Im örtlichen Weberei-Zentrum werden die Gäste immer herzlich begrüßt. Solche Trachten, genauso wie die Handtücher örtlicher Handwerkerinnen, sind Negljubkas Visitenkarte, einer Siedlung, die weit über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannt ist. An diesem Ort vereinen sich Geschichte und Moderne in Harmonie. Hier verweben die erblichen Meisterinnen die Fäden der Vergangenheit und der Gegenwart und kreieren das zukünftige Gewebe des Lebens selbst. Neulich wurde die Negljubka-Textiltradition aus dem Kreis Wetka in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Wir besuchten diese erstaunliche Ecke, lernten die Hüterinnen der authentischen Tradition kennen und erfuhren das Geheimnis der weiblichen Nationaltracht.
Das Gewebe des Lebens
Diese Ecke im Kreis Wetka, Gebiet Gomel, war schon immer etwas Besonderes. Die Einheimischen waren berühmt für ihre Handwerkskunst. Besonderes Talent aber legten sie im Weben an den Tag. Dieses Handwerk, das ursprünglich nur der Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse diente, hat sich zu einem nationalen kulturellen Wert entwickelt.
Zwischenstaatlicher Ausschuss für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes (UNESCO-Ausschuss) hat am 9. Dezember auf der 20. Tagung in Neu-Delhi die Entscheidung getroffen, die „Negljubka-Textiltradition aus dem Kreis Wetka, Gebiet Gomel“ in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufzunehmen.
Besonders berühmt wurden die Negljubka-Handtücher, die sich durch eine komplexe polychrome Skala (bis zu 25 Farbtöne) und ein reiches dekoratives Erbe aus mehr als 120 Mustern auszeichnen, von denen einige eine tausendjährige Tradition haben. Die Frauentracht ist ebenfalls einmalig – die traditionelle Kleidung enthält verschlüsselte Lebenscodes.
Negljubka – nur aus Liebe
Die Negljubka-Weberei ist ein einzigartiges Phänomen der belarussischen Volkskultur, das archaische Merkmale und komplexe Symbolik bewahrt hat. Die im 17. Jahrhundert entstandene Tradition umfasst die Herstellung von Tüchern, Kleidungsstücken und Innendekor unter Verwendung origineller Web- und Sticktechniken. Sie lebt und entwickelt sich auch heute noch. Sein Epizentrum ist seit vielen Jahren das ländliche Weberei-Zentrum, wo eine häusliche, gemütliche Atmosphäre herrscht. Ein bescheidener Raum bewahrt Reichtümer, die man nicht mit Geld bemessen kann.
Ljudmila Kowaljowa arbeitet in diesem Zentrum als Organisatorin und Meisterin. Die Feinheiten der Negljubka-Weberei beherrschte die gebürtige Braginerin direkt von den Meisterinnen, die diese Kunst an die nächsten Generationen weitergaben. Sie ist vor über 40 Jahren hierher gezogen, hat hier ihr Familienglück aufgebaut und ihre Wurzeln sind hier.
„Negljubka hat mich in jeder Hinsicht akzeptiert. Hier leben gutmütige Menschen. Ich habe die Weberei von Null auf gelernt. So etwas habe ich früher nie gesehen. Ja, ich hatte auch in meiner kleinen Heimat gewebte Produkte, aber sie sind ganz anders. Als ich hier ankam, war Negljubka eine ganze Weberei-Fabrik: In jeden Haus stand ein Webstuhl. Nach der Erntezeit saßen die vielen Frauen im Winter abends am Webstuhl und kreierten verschiedene Sachen. Früher webten die Frauen Kleidung, damit ihre Familie etwas zum Anziehen hatte. Später schufen sie Gegenstände, um das Haus zu verzieren. Das waren Bettdecken, Handtücher, Servietten, Tischdecken“, erzählt die Meisterin. Ljudmilas Tochter ist auch eine treue Anhängerin der Negljubka-Weberei. Sie ist dieser Kunst mit Leib und Seele ergeben und setzt die Tradition der Weberei in Gomel fort.
Mit Bewunderung erinnert sich Ljudmila Kowaljowa an die Zeit, als Kenner der Antike und der Authentizität aus Russland und anderen Ländern in das Dorf Negljubka kamen. „Unsere älteren Meisterinnen zogen ihre besten Trachten an und begrüßten die Gäste, erzählten über die herkömmlichen Traditionen und sangen Lieder“, erzählt sie.
Die ganze Schönheit der weiblichen Trachten präsentieren begabte Kunsthandwerkerinnen und Zirkelleiterinnen Tatjana Suglob und Jelena Demtschichina. Jede von ihnen hat noch im jungen Alter die einmalige Weberei-Technik beherrscht. Heute unterrichten sie ihre Kinder und Enkelkinder sowie die Kinder aus der örtlichen Schule. Jede von den beiden ist eine wahre Fundgrube an wertvollem Wissen, Lebensgeschichten und technischen Geheimnissen des Webens.
Die Einzigartigkeit der Technik
Die Meisterin, Tatjana Suglob, erzählt mit Liebe von ihrem Lebenswerk. „Von Kindheit an habe ich Erinnerungen daran, wie Mutter Handtücher zur Verschönerung des Hauses webte – zwei farbige und zwei schwarz-weiße. Ich erinnere mich an die Silhouette des Webstuhls, ich stand daneben und schaute zu. Gerade diese visuelle Erfahrung ist der erste Schritt, um in das Handwerk einzutauchen. Als ich dann älter wurde, half ich in den Schuljahren auch, zu weben. Und in den oberen Klassen gab es bei uns einen Weberei-Workshop, wir alle besuchten ihn sehr gern. Im Klassenraum standen vier Webstühle. Wir begannen mit Servietten, dann schwieriger – mit Handtüchern“, erinnert sich Tatjana Suglob.
Die Meisterin erzählt vom Aufbau des Webstuhls und erklärt detailliert die Bedeutung jedes Elements. Im Zentrum für Weberei gibt es mehrere solcher großformatigen Holzkonstruktionen, einige von ihnen enthalten sogar Teile aus der Vorkriegszeit.
Der Webstuhl ist ein Trainingsgerät für den Geist, die Hände, die Füße und die Fantasie. Alles ist bei der Arbeit im Einsatz. „Der Flug der Fantasie ist nicht begrenzt. Manchmal entstehen direkt im Prozess neue Ideen. Manchmal können in einem Handtuch bis zu 20 Farbtöne sein. Wenn man mit der Arbeit beginnt, zu weben anfängt, weiß man nicht, was am Ende herauskommt. All das sorgt für die Einzigartigkeit jedes Stücks“, sagt sie.
Der Prozess ist faszinierend und mühsam, muss aber von Herzen kommen, ist Tatjana überzeugt. Man braucht Konzentration, Ausdauer und Aufmerksamkeit. Fehler im Gewebe sind nicht katastrophal, aber sie kosten Zeit. Weben geht schneller als Aufziehen, sagt die Meisterin. „Die Einzigartigkeit der Negljubka-Technik liegt darin, dass von der Rückseite gewebt wird. Die Vorderseite des fertigen Stücks sehen wir erst, wenn wir es vollenden und umdrehen“, erklärt Tatjana Suglob.
Und auch heute sind die Negljubka-Handtücher gefragt. Meistens werden sie für Hochzeiten, Brautwerbung bestellt – mit den Handtüchern werden den jungen Leuten die Hände umbunden, die Ikone für den Segen umwickelt, den Brautwerbern umgebunden, vor dem Brautpaar auf dem Boden ausgebreitet. Die Länge variiert von 1,5 m bis zu 4,5 m.
Die Arbeit an einem solchen Stück kann mehrere Tage, manchmal Wochen oder Monate dauern. „Wenn das Muster nicht kompliziert ist, können wir ein eineinhalb Meter langes Handtuch in zwei vollen Arbeitstagen weben. Dann kommt noch die Fransenbindung hinzu. Insgesamt hängt der Prozess von der Komplexität des Musters und der Größe des Stücks ab. Bei uns in Negljubka gab es die bekannte Meisterin Walentina Chaljukowa: selbst so eine kleine Person, aber sie webte riesige Handtücher, mit sehr komplexen Mustern. So eine weite Seele und Fantasie“, präzisiert Tatjana Suglob.
Das Handwerk liegt in den Genen
Auch das Schicksal der Leiterin des Weberei-Workshops, Jelena Demtschichina, ist von Kindheit an mit dem Negljubka-Faden „verwoben“. „Mich, als die Jüngste unter den Schwestern, ließ meine Mutter anfangs nicht an den Webstuhl. Sie übertrug mir einfachere Arbeiten – Fäden auf die Spule zu wickeln. Aber bereits in der Schule erlernten wir in Handarbeitsstunden und beim Workshop junger Weberinnen dieses Handwerk. Nur vier Webstühle für 15 Mädchen, wir versuchten immer, möglichst schnell einen Platz zu ergattern“, teilt die Frau ihre Geschichte mit. Nach der Schule absolvierte sie den Beruf „Schneiderin für Damenkleidung“ an einer Berufsschule in Gomel. Dann kehrte sie zurück, um in Negljubka in der Fabrik zu weben.
Sie wurde durch das Schicksal gezwungen, diese Arbeit für einige Zeit aufzugeben, doch der Webstuhl stand zu Hause immer im Blickfeld. Deshalb webte sie in ihrer Freizeit. Jetzt ist sie zum ureigenen Handwerk zurückgekehrt und unterrichtet darin Kinder. Die Meisterin ist überzeugt, dass auch im Zeitalter von Gadgets und Technologien das Weben für Kinder nicht weniger interessant ist. „Es gibt begabte Mädchen und Jungs“, stellt sie fest.
Der Webprozess ist für die Frau vergleichbar mit Meditation. „Wenn die Stimmung richtig schlecht ist, sollte man sich nicht an den Webstuhl setzen und die Arbeit aufnehmen. Aber andererseits, wenn man in den Prozess eintaucht, erlaubt einem das Weben, vom Alltag, von Problemen und Fragen abzuschalten. Manchmal kann man auch im Stillen ein Gebet sprechen, aber nur nicht in dem Moment, wenn die Muster eingewebt werden“, teilt Jelena Demtschichina mit.
Die Meisterin hat ihre Lieblingsmuster und -farben. „Ich kann nicht erklären, warum – sie gefallen mir einfach. Es gibt Muster – „achtspitzige Sterne“, „Bären“ und andere – die einfach von Herzen kommen. Jede Weberin hat ihre eigene Technik, wie einen Markenstil, wie eine Handschrift. Selbst wenn wir nach demselben Muster weben, nach demselben Schema – die Stücke werden sich trotzdem unterscheiden. Ganz zu schweigen davon, dass ich selbst niemals zwei gleiche Handtücher weben werde“, lacht sie. Und die Lieblingsfarbpalette – die traditionelle Klassik für Negljubka – ist Rot, Weiß und Schwarz. Die erfahrene Weberin ist überzeugt, dass diese Trikolore besonders festlich, feierlich und würdevoll aussieht.
Geheimnisse der Tracht einer echten Frau aus Negljubka
Tatjana Suglob und Jelena Demtschichina probieren immer gerne die Trachten aus der Region Negljubka an und erklären jedes Detail und jedes Element der Frauentracht. Ihre Funktionalität ist bis ins Kleinste durchdacht.
Die vollständigste Tracht ist im Schkljarow-Museum für Altgläubigkeit und belarussische Traditionen in Wetka zu sehen. Übrigens ist der jüngere wissenschaftliche Mitarbeiter des Museums, Nikolai Asmolowski, so tief in die Geschichte der Negljubka-Webtradition eingetaucht, dass er selbst diese einzigartige Technik erlernt hat. Seiner Meinung nach sind alle Kleidungsstücke sehr interessant. Die Basiselemente der Trachten kann man jedoch auch anhand der Exponate im Webzentrum studieren.
Die unterste Schicht bildet ein Hemd mit einem rot eingewebten Ornament auf den Ärmeln. An diesen Mustern ließ sich früher Alter und sozialer Status der Frau ablesen. Die jüngsten Mädchen trugen fast völlig weiße Ärmel ohne Verzierungen. Mit zunehmendem Alter wurden die Ornamente immer kräftiger und ausdrucksvoller. Im hohen Alter wiederum kehrte das Weiß allmählich zurück.
„Die Negljubka-Tracht ist ziemlich einzigartig. Sie ist lebendig und alltagstauglich – und das beginnt schon beim Hemd. Ein reich verziertes Hemd reicht vom Hals bis zu den Füßen. Sind die Ärmel vollständig mit rotem Muster bedeckt, weiß man: Die Frau ist verheiratet. Mit den Jahren nimmt der Rotanteil ab. Im Alter, oder wenn alle Kinder eigene Familien gegründet und das Elternhaus verlassen haben, trägt die Frau ein schlichtes Leinenhemd, das ihr von den Schwiegertöchtern geschenkt wird. Als Gegengabe überreicht die Schwiegermutter eine festliche Kopfbedeckung – die Namitka (traditioneller weißer, handtuchartiger Kopfschmuck verheirateter Frauen). Sie bestand aus einem weißen Tuch mit eingewebten Mustern und wurde auf besondere Weise gebunden“, erklären die Museumsmitarbeiter.
Über dem Hemd wurde auf kunstvolle Weise ein mehrteiliger Wickelrock (Panewa) getragen. Diese farbenfrohen Stoffbahnen wurden vorne und hinten befestigt. Ein Teil davon wurde nach oben eingeschlagen und bildete eine Art Tasche knapp unterhalb des Rückens. Diese Konstruktion schränkte die Bewegungsfreiheit nicht ein und betonte zugleich Würde und Formen der weiblichen Silhouette.
„Und diese Tasche hinten ist für Sonnenblumenkerne oder Äpfel“, lachen die Kunsthandwerkerinnen. „So haben schon unsere Großmütter gescherzt.“
„Optisch hebt diese Form die Linien des Körpers sehr schön hervor. Sobald eine Frau dieses Festgewand anlegt, verändert sie sich. Aus der schlichten Hausherrin wird eine würdevolle, stattliche Erscheinung“, erklärt Nikolai Asmolowski.
Darauf folgte eine schwarze Schürze. Sie war nicht nur praktisch, sondern sorgte auch für einen bewussten Kontrast: Vor dem dunklen Hintergrund kamen die übrigen Farben der Tracht besonders zur Geltung. So entfaltete sich die traditionelle Farbpalette der Tracht.
„Oben kommt noch ein weiteres Element hinzu – die „Sapina“, einer Art Oberrock. Oft handelte es sich um ein Modell aus blau-grauer Wolle –„Golubowik“–, das seinen Namen von der Farbe des Materials erhielt. Auch hier gab es zahlreiche Varianten der Verzierung“, berichtet Asmolowski.
Unverzichtbar war außerdem der Gürtel. Der traditionelle Gürtel aus Negljubka wurde kunstvoll gewebt und an den Enden mit kleinen Wollknäueln verziert. Auf besondere Weise gebunden, verband er Ober- und Unterteil der Tracht zu einer harmonischen Einheit. Zugleich diente er ganz pragmatisch dazu, den unteren Rücken warm zu halten.
Ein besonders charakteristisches Schmuckstück der Negljubka-Tracht ist der breite Perlenhalsschmuck („Gorljatschka“), vergleichbar mit einem heutigen Choker. Glasperlen waren damals kostbar, deshalb fielen diese Schmuckstücke nie sehr breit aus. Man erwarb sie meist bei den Altgläubigen. Auch hier blieb man der traditionellen Farbgebung treu, und die Muster griffen häufig die gewebten Ornamente der Kleidung auf.
Ebenfalls unverzichtbar waren mehrreihige Glasperlenketten („Buteli“). Die glänzenden, im Licht schimmernden Kugeln hatten eine doppelte Bedeutung: Sie waren nicht nur äußerst dekorativ, sondern galten auch als Schutz vor dem bösen Blick. Ihr Glanz fiel sofort ins Auge. Man glaubte, dass diese Ketten schlechte Gedanken und neidische Blicke gleichsam zurückspiegeln.
Vollendet wurde das Bild durch Ohrringe, die aus den weichsten Gänsefedern gefertigt wurden. Die kleinen Federpompons verliehen dem Schmuck Leichtigkeit und Bewegung.
Am Hals wurde der Hemdkragen mit einem Seidenband zusammengebunden. Das ersetzte die damals kaum vorhandenen Knöpfe und sorgte zugleich für zusätzliches Volumen. Häufig trugen die Frauen zudem breite Atlasschleifen mit einem Kreuz als Schmuckelement („Chlestowka“).
Es gab allerdings nur sehr wenige männliche Trachten. „Die Stickereien auf Hemden waren jedoch weit verbreitet. Diese traditionellen Hemden wurden rasch von den so genannten Bergmannshemden oder Huzulkas abgelöst, die im 20. Jahrhundert populär wurden. Besonders in der Bergbauregion des Donezker Beckens waren sie beliebt, wo viele Männer, auch aus Negljubka, ihren Lebensunterhalt verdienten. Nach und nach setzten sich städtische Modetrends durch, und die Männer brachten diese neuen Styles aus der Stadt mit. Sie wurden scherzhaft als „Walazugas“ (Landstreicher) bezeichnet“, erklärt die Forscherin.
Fadendrehungen oder die neue Generation der Negljubka-Weberinnen
In einem Moment erfüllt sich die Werkstatt mit Kinderstimmen, als nach und nach Viertklässler in die Weberei von Negljubka huschen.

Karina Baimendinowa nimmt sofort ihren Platz an dem riesigen Webstuhl ein, neben dem sie wie ein winziges Däumelinchen wirkt.

Das Mädchen konzentriert sich sofort und folgt den Anweisungen der Kursleiterin, die ihr die Fortsetzung ihrer Arbeit anvertraut. Ihre kleinen Füße bewegen sich geschickt in Lackschuhen und bedienen die Pedale der Maschine, während ihre Hände gleichzeitig aktiv arbeiten.
Fadendrehungen oder die neue Generation der Negljubka-Weberinnen
In einem Moment erfüllt sich die Werkstatt mit Kinderstimmen, als nach und nach Viertklässler in die Weberei von Negljubka huschen.

Karina Baimendinowa nimmt sofort ihren Platz an dem riesigen Webstuhl ein, neben dem sie wie ein winziges Däumelinchen wirkt.

Das Mädchen konzentriert sich sofort und folgt den Anweisungen der Kursleiterin, die ihr die Fortsetzung ihrer Arbeit anvertraut. Ihre kleinen Füße bewegen sich geschickt in Lackschuhen und bedienen die Pedale der Maschine, während ihre Hände gleichzeitig aktiv arbeiten.

Das Mädchen kommt aus Kasachstan und lernt mit Begeisterung belarussisches Handwerk. Ihre ältere Schwester hat es schon gelernt, und jetzt ist sie an der Reihe. „Mir gefällt alles hier. Ich liebe Gelb, Rosa und Grün“, erzählt sie. „Die Farben sind so fröhlich; es ist ein moderner Negljubka-Stil“, lächelt Tatjana Suglob.

Wlad Jeserski, ein Viertklässler, freut sich darauf, wieder etwas im Neglyubka-Stil auszuprobieren. Er genießt sichtlich die Komplimente der Erwachsenen und meistert den Webstuhl immer besser. Seine ältere Schwester hat ihn zu den Kursen gebracht, und er begann zu üben, sobald er die Pedale erreichen konnte. Bei der Arbeit verwandelt sich der unbändige, energiegeladene Junge in einen konzentrierten und ernsthaften jungen Mann. „Anfangs war es schwierig; manchmal habe ich die Fäden ungleichmäßig angebracht. Ich träume davon, unsere rot-grüne Flagge fertig zu weben. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, das Fischgrätmuster auf dem Handtuch zu gestalten. Ich habe zu Hause Servietten gewebt, und alle waren begeistert“, erzählt der angehende Weber.

Seine Klassenkameradin Wiktoria Kaplja beherrscht das Handwerk laut den Meistern für ihr junges Alter schon sehr gut. Sie hat dieses Talent buchstäblich im Blut; sie hat es fast sofort gelernt. Ihre Großmutter war eine sehr gute Weberin.

„Ich liebe Schwarz, Weiß und Rot – die Farben sind klassisch. Ich habe Servietten für meine Mutter genäht und eine riesige Decke für meine kleine Schwester gewebt. Sie war total begeistert. Bald hat sie Geburtstag, und ich möchte ihr noch ein Geschenk machen. Außerdem möchte ich Stricken lernen“, sagt die junge Handarbeiterin, die noch lange nicht genug hat, um sich weiterzuentwickeln.

Heute arbeitete Wika als Miniaturmodel und probierte ein Hemd und einen Kopfschmuck mit bunten Bändern im Negljubka-Stil an. Bewundernd betrachtete sie ihr Werk im Spiegel und erntete viele Komplimente. „Meine Großmutter hat bestimmt auch so ein Kostüm getragen. Und jemand hat mich sogar ‚Ljalya‘ (Puppe) genannt, als ich es anprobiert habe“, lacht das Mädchen.
„Sie sehen ja, was für eine tolle Atmosphäre wir hier haben. Es ist wunderbar, dass unser Zentrum in der Schule liegt; die Kinder sind fast den ganzen Tag hier und kommen sogar in den Pausen vorbei. Niemand zwingt sie zum Weben. Hier ist alles freiwillig; die Kinder lernen unsere Tradition spielerisch kennen“, bemerkt Ljudmila Kowaljowa.

Das Kreativitätszentrum ist ein wahrer Anziehungspunkt für die Kinder. Ob es nun eine natürliche Begabung oder die Leidenschaft für diese einzigartige Technik ist, spielt für die Kunsthandwerker keine so große Rolle. Hauptsache, die Tradition ihres Handwerks bleibt lebendig und wird weitergegeben.
„Krossenzy“-Festival
Bewohner aus verschiedenen Regionen von Belarus und anderen Ländern kommen nach Negljubka, um diese einzigartige Tradition besser kennenzulernen. Dank dieser Technik ist in der Region Wetka ein weiteres Festival entstanden.
„Das Negljubka-Webfestival „Krossenzy“ in ist eine relativ neue Bereicherung des Kulturkalenders der südöstlichen Region. Es findet alle zwei Jahre statt und zieht viele Kunsthandwerksliebhaber an. Es ist ein wirklich wunderschönes Festival. Wir organisieren eine Modenschau mit Negljubka-Trachten, an der sogar die jüngsten Schulkinder teilnehmen. Jeder kann die einzigartigen Negljubka-Handtücher bewundern. Außerdem werden Workshops zur Herstellung von Handtüchern und Servietten angeboten. Es ist erfreulich, dass das Interesse an der Negljubka-Tradition ungebrochen ist“, sagt Wladimir Kowaljow, Leiter des ländlichen Webzentrums Negljubka. Nächstes Jahr wird das Festival erneut Kunsthandwerksliebhaber zusammenbringen.
Schicksal im Stoff verschlüsselt
„Zickzack“, „Spinnen“, „Apfelbaum“, „Fischgrät“, „Spatz“, „Kreuze“, „Kalocsa“, „Haken“, „achtspitziger Stern“ und andere geometrische und florale Muster tragen verschlüsselte Wünsche nach Glück, Liebe, Wohlstand und Gesundheit in sich.
Auch die Handtücher selbst hatten eine heilige Bedeutung. Diese gewebten Stücke begleiteten einen Menschen von der Geburt bis zum Tod.

Die Farben eines gewebten Kunstwerks haben ebenfalls ihre eigene Bedeutung. Manchmal schufen die Frauen von Negljubka neue Wörter, um verschiedene Farbtöne zu bezeichnen. All diese kulturellen Codes werden von modernen Lokalhistorikern erforscht und erklärt. Vielleicht ist dies Gegenstand eines eigenen Artikels.

So lebt diese Tradition, die zu einem Gegenstand des historischen und kulturellen Erbes von Belarus geworden ist, dank ununterbrochener Kontinuität fort. Einzigartige Techniken und die Symbolik der Volkskunst werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Einheimischen verwenden weiterhin traditionelle Textilien in ihrem Alltag und fördern die traditionelle Negljubka-Weberei. Für die Kunsthandwerker ist es besonders wichtig, dass diese Leidenschaft und Liebe zum Handwerk an ihre Kinder, Enkel und Urenkel weitergegeben wird.

Für die Bewohner von Negljubka ist das Weben nicht nur Arbeit oder Handwerk; es ist das Leben selbst, fortgeführt von neuen Generationen. Diese Tradition ist heute als immaterielles Kulturerbe geschützt. Das Gewebe des Lebens, Faden für Faden, ist erfüllt von Mustern, Bedeutungen und Heiligkeit.
