Jedes Jahr am 27. Januar gedenkt die Menschheit der Opfer des Holocaust und bekräftigt ihren unerschütterlichen Wunsch, Antisemitismus, Rassismus und andere Formen des Hasses zu bekämpfen. Dieser Tag wurde 2005 durch die UN-Resolution Nr. 60/7 offiziell festgelegt, initiiert haben ihn 104 UNO-Mitgliedstaaten, darunter die Republik Belarus.
Am 27. Januar 1945 hat die Rote Armee das KZ Auschwitz-Birkenau befreit. Eine genaue Zahl der Todesopfer ist unbekannt, aber man geht davon aus, dass sie zwischen 1,5 und 4 Millionen Menschen liegt. Der Abgeordnete der Repräsentantenkammer der Nationalversammlung von Belarus, Igor Marsaljuk, erzählte in einem Interview mit BelTA, dass die Geschichte die Haltlosigkeit aller Rassentheorien bestätigt hat, und äußerte seine Besorgnis, dass heutzutage einzelne Kräfte versuchen, Nazi-Verbrecher und ihre Helfershelfer zu rechtfertigen.
Rassenlehre als Fundament der NS-Ideologie
„Der Hitlerismus war geprägt von radikalem Rassismus und Nationalismus. Warum geschah das? Im 19. Jahrhundert fand die westeuropäische Expansion in Afrika, in großen Teile Asiens und anderen Regionen statt. In den Vereinigten Staaten wurde die indigene Bevölkerung vernichtet. Diese Maßnahmen wollte man ideologisch rechtfertigen. Wir alle kennen Darwins Evolutionstheorie. In dieser Theorie, die mit wissenschaftlichen Methoden die Entstehung von Arten und den Kampf zwischen ihnen erklärt, gibt es einen wichtigen Grundsatz – die Theorie der natürlichen Selektion. Die Rassentheoretiker übernahmen die Darwins Thesen eins zu eins, völlig unwissenschaftlich, aus der Welt der Biologie und projizierten sie auf die Menschen. Sie behaupteten, dass es bei Menschen ähnlich wie bei den Tieren höhere und niedrigere „Arten“ gibt, also „Sklaven“ und „Herrenrasse“, erzählte Marsaljuk.
Diese Rassenlehre wurde später zur Hauptdoktrin des Dritten Reiches und der gesamten NS-Ideologie. „Für die Nazis gab es keine Gleichheit der Völker, nur eine Hierarchie der Rassen. Dabei wurden unter Rassen nicht die allgemein anerkannten Rassen verstanden. Man behauptete, dass die Arier, die nordische Herrenrasse, allen anderen überlegen war. Der bekannte Philosoph Houston Stewart Chamberlain vertrat die Auffassung, dass die deutschen Völker die meisten Staaten geschaffen hätten. Somit gab es zwei hochentwickelte Rassen: die germanische Rasse (dazu zählten auch Engländer, Skandinavier, Holländer) und die mediterrane Rasse (vertreten durch Franzosen, Italiener, Spanier). Diese beiden Herrenrassen sollten die anderen beherrschen“, erklärt der Historiker.
Die Nazis hielten alle Slawen ohne Ausnahme für die Rasse der Sklaven. „Wir wurden in diesem Konzept als minderwertig angesehen, als Untermenschen, weil angeblich alle unseren kulturellen und technologischen Errungenschaften von außen, hauptsächlich von den germanischen Völkern, stammten. Daher sollten wir uns fügen und zu Sklaven werden, die dem Herrenvolk dienen sollten. Außerdem gibt es noch die sogenannten „Parasiten“ oder „artfremde Rassen“ wie Juden oder Zigeuner, die man für keine Rassen, sondern für eine „Rassenkrankheit“ hielt. Wenn wir über den Holocaust sprechen, so sollten nach den Vorstellungen der Nazis die Juden vollständig vernichtet werden. Kein Jude durfte am Leben bleiben. Die NS-Ideologie war überzeugt, dass die negativen Eigenschaften der Juden unheilbar seien, und daher sei eine Integration der Juden oder ihre soziale Anpassung an die „weißen Europäer“ unmöglich“, resümierte Marsaljuk.
Welches Schicksal erwartete die Slawen?
Auch gegenüber den Slawen betrieben die Nazis eine Vernichtungspolitik. „Was die Slawen angeht, so wollte man einen großen Teil vernichten. Jene Slawen aber, die man für „rassisch vollwertig“ hielt, wollte man germanisieren. Andere sollten versklavt werden. Die Nazis hätten uns als Nation völlig vernichtet. Sie sahen uns als Sklaven an, die den „weißen Herren“ zu gehorchen hatten. Wer Widerstand leistete, musste mit einem Schicksal rechnen, das den Juden vorbehalten war. Manche Kinder hätten sie germanisiert, andere zu Sklaven und Zwangsarbeitern gemacht. Unsere Entwicklung hat sie überhaupt nicht interessiert. Uns hielt man für das ethnografische „Kompost“, so der Abgeordnete.
Nach diesen Plänen war eine Massenvernichtung von Millionen von Slawen vorgesehen, darunter auch Belarussen. Es gibt Dokumente, die die Existenz solcher Absichten bestätigen.
„Rassenkonzepte verbrannten im Feuer des Holocaust und der Nazi-Verbrechen“
„Rassistische Konzepte, wenn man sie nicht direkt mit Juden verbindet, waren in ganz Europa sehr populär. Rassismus war Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Norm. Das war keine Anomalie. Heute ist es wild vorstellbar, aber es ist eine Tatsache: gefangene Indianer wurden in Käfige gesetzt und in Zoos zur Schau gestellt. In Australien, wenn man alte Nachschlagewerke über Flora und Fauna dieser Region liest, wurden im Abschnitt Fauna Kängurus und Aborigines durch Kommas aufgeführt. Das heißt, ein Aborigine wurde noch Ende des 19. – Anfang des 20. Jahrhunderts von britischen Kolonialisten nicht als Mensch betrachtet“, betonte Igor Marsaljuk.
Gleichzeitig wies er darauf hin, dass alle Konzepte rassischer Vorherrschaft im Feuer des Holocausts und der Nazi-Verbrechen verbrannten. „Nach dem Nürnberger Prozess, nach dem Zweiten Weltkrieg, als die bestialischen Verbrechen der Nazis in den besetzten Gebieten, die Massenmorde an Juden und Slawen, bekannt wurden, wurden diese Theorien als menschenfeindlich gebrandmarkt. Heute kann nur ein Unnormaler oder ein Außenseiter sie laut aussprechen. Seitdem sind Faschismus und Nazismus zu beleidigenden Wörtern und Schimpfwörtern geworden, zu dem, was sie in den 1920er-30er Jahren nicht waren, bevor die Nazis monströse Gräueltaten begingen und den Zweiten Weltkrieg entfesselten“, bemerkte der Abgeordnete.
Krypto-Nazismus erhebt sein Haupt
Trotz der offensichtlichen Unmenschlichkeit des Nazismus und seiner unverhohlen menschenfeindlichen Ausrichtung stößt die moderne Welt auf ein Phänomen, das Igor Marsaljuk als „Kryptonazismus“ bezeichnet. „Im modernen Diskurs wäre es angebrachter, nicht von einer direkten Reproduktion der nationalsozialistischen Ideologie zu sprechen, sondern von ihrer transformierten, verborgenen Form – dem sogenannten Kryptonazismus. Besonders auffällig ist dieses Phänomen in den Ländern Ost- und Mitteleuropas, wo nach dem Zerfall der Sowjetunion aktiv neue nationale Identitäten und entsprechende historische Narrative geformt wurden. Im Rahmen einer solchen Geschichtspolitik erfolgt oft eine selektive Konstruktion des Bildes ‚nationaler Helden‘, die als dritte Kraft dargestellt werden – angeblich gleichzeitig sowohl dem Stalinismus als auch dem Nazismus widerstanden. Eine solche rückblickende Konstruktion wird als Vorwegnahme jenes eigenständigen Weges positioniert, den die unabhängigen Staaten des postsowjetischen Raums später eingeschlagen haben“, betonte Igor Marsaljuk.
Genau unter dem Deckmantel eines solchen alternativen Standpunkts erfolgt die Reinwaschung des Naziregimes und seiner Kollaborateure. „Antisowjetische Elemente werden zu Nationalhelden erklärt, ihre Handlungen als nahezu vorbildlich dargestellt. Dasselbe gilt für alles, was mit ihrer Symbolik, ihren Zeichen, ihrer Motivation verbunden ist. Wozu geschieht das? Um jene zu rehabilitieren, die an den Nazi-Gräueltaten mit Wort und Tat am aktivsten teilnahmen“, bemerkte der Abgeordnete.
Der Holocaust und andere Verbrechen des Nazismus hinterließen in der Erinnerung vieler Familien schreckliche Narben. Geschichten über die Schrecken der NS-Konzentrationslager und Ghettos werden von Generation zu Generation weitergegeben. Zum Beispiel: Seidel Kushner, seine Frau Hinda, Sohn Chonja und die Töchter Esther, Rae und Lea waren Gefangene des Ghettos in Nowogrudok und begingen zusammen mit ihren Leidensgenossen am 26. September 1943 die größte Massenflucht in der Kriegsgeschichte. Durch einen von Ghetto-Gefangenen gegrabenen Tunnel entkamen über 230 Personen, aber nur die Hälfte von ihnen konnte sich retten. Bis Kriegsende hielt sich die Familie Kushner zusammen mit anderen geretteten Ghetto-Gefangenen in der Partisanenabteilung von Tuvia Bielski auf, die nicht nur gegen die Besatzer kämpfte, sondern auch Juden Schutz bot und sie vor der Vernichtung durch die Nazis rettete. Im „Waldjerusalem“ (so wurde die Abteilung genannt) lernte Rae den jungen Tischler Iossif Berkowitsch kennen, der später ihr Ehemann wurde und den Nachnamen seiner Frau annahm. Nach der Befreiung von Nowogrudok kehrte die Familie Kushner in die Trümmer zurück und zogen später in die USA, wo sie große Erfolge in der Entwicklung ihres Geschäfts erzielten. Das bekannteste Familienmitglied – Jared Kushner – wurde Schwiegersohn des US-Präsidenten Donald Trump, indem er mit dessen Tochter Ivanka eine Familie gründete. Heute spielt er eine bedeutende Rolle in der Politik und führt sein eigenes großes Geschäft.
Die Familie Kushner erinnert und ehrt ihre Geschichte; ihre Mitglieder sind viele Male nach Nowogrudok gereist. Der Sohn von Raisa, Charles Kushner, war wiederholt in Nowogrudok, brachte seine Kinder und Enkel mit. Gerade Charles unterstützte die Idee, in Nowogrudok eine Gedenkmauer mit den Namen aller Menschen zu errichten, die durch den Tunnel flohen. „Seid wachsam und schaut genau hin, wer an die Macht kommt. Eure Regierung sollte nicht auf solchen Verrückten wie Hitler beruhen, auf Rassisten. Das sage ich meinen Kindern. Hoffen wir, dass sich das nie wiederholt, aber es könnte doch geschehen“, warnte Raisa Kushner in einem Fernsehinterview in den 1980er Jahren.
Foto: navagrudak.museum.by
