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31 Januar 2026, 21:13

Vergeltungsaktion: Zeugin des Völkermordes erzählt, wie Polizisten die Familie ihrer Mutter erschossen

MINSK, 31. Januar (BelTA) – Ljudmila Kwitkewitsch, Dozentin am Lehrstuhl für Strahlenmedizin und Ökologie der Belarussischen Staatlichen Medizinischen Universität, hat im Obersten Gericht als Zeugin im Strafverfahren gegen den deutschen SS-Offizier Hans Eugen Siegling berichtet, wie die Großfamilie ihrer Mutter von einem Polizei-Bataillon erschossen wurde. 

Das Dorf Schawolki wurde am 5. Februar 1943 verbrannt. Ljudmila Kwitkewitsch sagte, ihre Mutter Sinaida Wassiljewna Kwitkewitsch (geborene Solowej) habe darüber nach dem Krieg berichtet. Diese Erinnerungen waren schmerzhaft. 
„Meine Mutter hat immer betont, die Verbrennung von Schawolki war eine Vergeltungsaktion. Nachdem Friedrich Paulus, Kommandant der 6. deutschen Armee der Wehrmacht, von der Roten Armee in Stalingrad gefangen genommen wurde, fand im Kreis Kopyl eine ganze Reihe von Strafoperationen statt. 

Das Dorf, in dem Ljudmilas Mutter geboren wurde, hieß Schawolki. Das bestätigen auch Dokumente, die die Zeugin zu Hause aufbewahrt. 

„Am 5. Februar 1943 fand in Schawolki eine Vergeltungsoperation statt. Das Einsatzkommando bestand aus Polizisten. Es gab zwei oder drei Personen in deutscher Uniform, alle anderen waren nichtdeutsche Polizisten. Sie erkannte an ihrer Aussprache, dass sie aus einer anderen Gegend stammten. Sie sprachen zwar Russisch, aber ein ihr unbekanntes Dialekt. Meine Mutter hat immer betont, dass sie nicht aus ihrer Gegend stammten. Man wusste damals, dass die Einsatzkommandos aus Polizisten gebildet wurden, die aus anderen Gegenden kamen“, erzählte Ljudmila Kwitkewitsch vor Gericht. 

1943 war ihre Mutter 21 Jahre alt. Sie absolvierte die Pädagogische Fachschule in Sluzk und arbeitete als Lehrerin in der Elementarschule. Als der Krieg begann, kehrte sie zu ihren Eltern nach Hause zurück. 

An jenem Februartag kamen mehree Polizisten in das Haus ihrer Großmutter, sie suchten nach Waffen und Partisanen. „Sie haben ein Buch entdeckt, dass meinem Vater gehörte. Er war Mitgled einer Konsumgenossenschaft. Die Polizisten schrien laut, es waren drei Männer. Der erste führte den Vater in die Diele und erschoss ihn. Der zweite erschoss die Oma, die neben der Wiege saß und auf ein 6 Monate junges Baby aufpasste. Der dritte lief in das zweite Zimmer und erschoss Nina, die ältere Schwester meiner Mutter“, erzählte die Zeugin.

Im Haus befanden sich neun Personen, darunter viele minderjährige Kinder. Mehrere Kinder lagen auf dem Ofen. Sie alle wurden erschossen. Nur Sinaida, Ljudmilas Mutter, konnte überleben.

„Als die Polizisten weg waren, kam meine Mutter zu sich und sah, dass sie eine leichte Schießwunde am Schulter hatte und einen Kratzer am Kopf. Sie fasste den Mut, stieg vom Ofen ab und sah ihren toten Vater in der Diele liegen. Dann entdeckte sie die Mutter und die ältere Schwester – beide lagen auf dem Boden, völlig verblutet. Plötzlich sah sie durch das Fenster, dass die Polizisten wieder ins Haus zurückkehrten. Sie stieg schnell auf den Ofen, legte sich so hin, wie sie vorher lag. Zwei Männer kamen herein und einer von ihnen schoss. Meine Mutter dachte, sie hätten auf sie geschossen, aber es gab nur einen einzigen Schuss. Dabei hörte sie, wie die Männer über das Kleinkind sprachen: „Ja, er ist fertig.“ dann wusste sie sofort, die Männer haben den kleinen Leonid erschossen, der in der Wiege war“, erzählte die Zeugin. 

Bevor sie das Haus verbrannten, raubten sie alles was sie nur konnten: Lebensmittel, Kleidung. Alles, was man essen oder halbwegs tragen konnte, wurde gestolen, auf die Pferdekutsche geworfen. Dann wurden Häser in Brand gesteckt. 

„Diese beiden haben die Fenster zerschlagen, Tische und Matratzen mit Flüssigkeit übergossen und angezündet. Meine Mutter lag lange auf dem Ofen und versuchte sich dann im Keller zu verstecken. Und als sie verstand, dass sie an Rauch ersticken würde, rannte sie aus dem Haus und fiel in den Schnee. Sie war verwundet. Außerdem hatte sie ziemlich umfangreiche Verbrennungen am Rücken. Der ganze Rücken war eine Wunde“, erinnerte sich Ljudmila Kwitkewich an die Geschichte ihrer Mutter.

Das Einsatzkommando der Besatzer wurde zwei Tage vor der Tragödie im Dorf untergebracht, in den Häusern am Rande des Dorfes. Am ersten Tag geschah nichts, die Polizisten hielten einfach Wache. Am zweiten Tag wurden Menschen erschossen, deren Verwandte bei den Partisanen waren. Ljudmilas Mutter erzählte von mehreren Familien, sie sah die Leichen mit eigenen Augen. „Meine Mutter erzählte, dass man den Bewohnern verboten hatte, das Dorf zu verlassen. Am ersten Tag konnte man noch weglaufen. Aber niemandem war es tatsächlich bewusst, was hier weiter passieren würde. Denn es war nicht das erste Mal, dass die Deutschen kamen. Sie blieben nicht lange und gingen fort“, erzählte die Zeugin.

Am 5. Februar 1943 wurde fast das gesamte Dorf verbrannt. Häuser, die außerhalb des Dorfes standen, wurden nicht angefasst. Am Leben blieben nur 19 Dorfbewohner. 

Ljudmila Kwitkewitsch weiß aus den Dokumenten, dass 120 Häuser mit allen Nebengebäuden verbrannt wurden, und auf dem Denkmal, das am Eingang des Dorfes steht, ist eingraviert: Hier wurden 519 Menschen verbrannt. Es kamen sehr viele Kinder ums Leben: Im Dorf lebten viele Großfamilien. Einige Minderjährige haben sich auf Dachböden versteckt, so konnten sie am Leben bleiben.
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