Projekte
Staatsorgane
flag Freitag, 6 März 2026
Alle Nachrichten
Alle Nachrichten
Gesellschaft
15 Februar 2026, 10:56

„Wir haben Bettlägerige gepflegt“: Krankenschwester über ihre Arbeit in Kabul 

Im Krieg werden nicht nur zähe Kämpfe geführt und große Heldentaten vollbracht. Der Krieg ist vor allem ein Kampf ums Leben. Und es waren die Frauenhände, die für Hunderte von Soldaten oft zur letzten Barriere zwischen Leben und Tod wurden. Diese Verantwortung lag auf den Schultern der Ärzte und Krankenschwestern, die in Afghanistan arbeiteten. Am Gedenktag der Soldaten-Internationalisten unterhielten wir uns mit der ehemaligen Krankenschwester, die Tag und Nacht in OPs verbrachte und das Leben der Anderen rettete. 

Die Mutter von Tatjana Jeremschikowa war selbst eine Krankenschwester. Ihr Vater, der im Großen Vaterländischen Krieg schwer verwundet wurde, starb, als Tatjana erst 4 Jahre alt war. Das Mädchen ging oft mit ihrer Mutter zur Arbeit und verbrachte die ganze Zeit im Krankenhaus, deshalb hatte sie keine Schwierigkeiten mit der späteren Berufswahl. 

„Nach 8 Klassen Schule ging ich an die Medizinische Fachschule Orscha und bekam nach dem Abschluss einen Arbeitsplatz in Boguschewsk. Dort arbeitete ich drei Jahre als Krankenschwester. Im Sommer 1986 wurde mir als Wehrpflichtige angeboten, vertraglich als Krankenschwester in Afghanistan zu arbeiten. Damals war ich jung und hatte überhaupt keine Angst. Außerdem hatte ich noch keine eigene Familie, also habe ich zugestimmt“, erinnert sich Tatjana Jeremschikowa.
Die Reise in ein unbekanntes Land begann im Januar. Zuerst fuhr sie mit dem Zug nach Moskau, dann nach Taschkent, und von dort flog sie nach Afghanistan. Im Flugzeug saß sie zusammen mit anderen Medizinern und Soldaten. Sie alle versuchten, einen bequemen Platz zu finden, es gab aber nur Kisten und Ballen. Bei ihrer Ankunft wurde Tatjana in das zentrale sowjetische Krankenhaus in Kabul geschickt, eine Schlüsselstelle für evakuierte Soldaten. Viele wurden sogar mit Hubschraubern gebracht. Das Territorium des Krankenhauses wurde streng bewacht, es war unmöglich, das Haus frei zu verlassen. 
„Wir sind extrem selten in die Stadt ausgegangen. Wir wurden immer bewacht, denn die Gefahr der Terroranschläge war hoch. Unsere Gruppe, die aus mehreren Krankenschwestern  bestand, konnte jedoch mehrere Male außerhalb der Stadt fahren. Wir haben die schönsten Orte besucht und sogar Einheimische getroffen. Natürlich lebten sie sehr arm. In den Läden gab es jedoch viele Importwaren“, erzählte die Medizinerin.
Sie arbeitete in der Abteilung für Gastroenterologie und Neurologie. Im Grunde waren es zwei Abteilungen in einem, mit 12 Leuten. Da die lokalen Behörden freundschaftliche Beziehungen zu sowjetischen Ärzten hatten, verfügte das Krankenhaus über ein gutes Ultraschallgerät. Die Ärzte haben sowohl den örtlichen Beamten als auch den Einheimischen Hilfe geleistet, obwohl es manchmal ziemlich gefährlich war.
„Wir waren alle im Geist des Patriotismus erzogen und haben überhaupt nicht an irgendwelche Gefahr gedacht. Es gab fast keine Panik. Ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich nach Polen fahre. Einige Verwandte kannten die Wahrheit und hießen meine Entscheidung nicht gut“, gab Tatjana zu.

Die erste Schwierigkeit war ein ungewöhnliches, schweres Klima. Im Winter war es sehr kalt, der feuchte Wind und die hohen Berge erschreckten ein wenig, im Sommer dagegen gab es eine unerträgliche, erstickende Hitze. Ja, und die Unterkunft war anders als bei uns. Dabei hatten junge Krankenschwestern und Ärzte trotz der Schwierigkeiten die Möglichkeit, das Leben Zentralasiens kennenzulernen, weil sie vorher die Sowjetunion nie verlassen haben und nie gesehen haben, wie die anderen Menschen lebten. 
Tatjana sagt, die Leute in Afghanistan waren sehr freundlich. Einige von ihnen arbeiteten im sowjetischen Krankenhaus. Oder wurden dort behandelt. Sie erinnert sich immer noch an ein Waisenmädchen, das sehr lange brauchte, um gesund zu werden. Manchmal brachten die Einheimischen den Ärzten und Soldaten Früchte und erhielten von den Soldaten im Gegenzug Brot und Seife.

„Am schwierigsten war es natürlich, den Gleichaltrigen in die Augen zu sehen, die schwer verwundet waren. Wir haben die Bettlägerigen gepflegt und versucht, ihr Leben so gut es ging zu erleichtern und ihnen ein Stück Heimat zu vermitteln. Tatsächlich war die moralische Unterstützung genauso wichtig wie die körperliche Pflege. Wenn eine Person einen starken Geist und gute Stimmung hat, wird sie schneller gesund. Wer schnell gesund wurde, half den anderen Jungs. Die meisten sagten, sie wollten so schnell wie möglich „zurück, zu den Kameraden“, erzählte die Medizinerin. 
Eine Geschichte kann sie bis heute nicht vergessen. Viktor, ein gebürtiger Belorusse, wurde in die Abteilung für Neurologie eingeliefert. Er konnte überhaupt nicht gehen. Seine Rehabilitation dauerte sehr lange. Als er etwas stärker wurde, wurde er nach Hause evakuiert. Später schickte er Briefe und Fotos an die Krankenschwestern. Sie freuten sich sehr, als sie erfuhren, dass er endlich auf die Beine kam. Ein anderer Junge hatte schwere Augenwunden. Das war für ihn vor allem ein seelischer Schlag. Die Ärzte haben alles versucht, um ihn zu unterstützen. Wie es ihm weiterging, weiß Tatjana nicht, aber sie glaubt, dass auch er im Leben sein Glück hatte.

Der schrecklichste Moment ihres Aufenthalts in Kabul war der Tag, an dem eine Bombe auf das Territorium des Krankenhauses einschlug. Alle hatten damals wirklich große Angst. Oft gab es nachts Explosionen in den Bergen, an die man sich auch nicht gewöhnen konnte. Aber es gab auch schöne Erinnerungen. Zu Hause bewahrt sie unzählige Postkarten mit Dankesworten und Glückwünschen von Soldaten, die sie nach ihrer in Belarus erhalten hatte. 

„Damals gab es kein Internet, und wir haben es nicht immer geschafft, in Verbindung zu bleiben. Dabei waren nicht nur Slawen unter den Soldaten, sondern auch Tadschiken und Usbeken. Alle haben ihre Landsleute gesucht. Manchmal haben wir den Jungs geholfen, Briefe zu schreiben. Natürlich hatten die Ärzte wenig Freizeit. Manchmal gingen wir aus, nur auf dem Territorium des Krankenhauses. Ich weiß noch: Dort gab es einen kleinen Brunnen und daneben ein Denkmal für die sowjetische Freundschaft. Manchmal wurden abends Filme gezeigt, aber immer wieder mussten wir unterbrechen und wieder zur Arbeit laufen, weil neue Verletzte eingeliefert wurden. Die Jungs, die sich erholten, gesellten sich zu uns, spielten Gitarre, wir sangen zusammen“, erzählt Tatjana. 
Alle Ärzte, die dort arbeiteten, waren Optimisten. Für diese Arbeit wurden von vorn herein Menschen mit stabiler Psyche ausgewählt. Dafür mussten sie spezielle Fragebögen ausfüllen.

„Als ich dort ankam, hatte ich schon eine ziemlich gute Berufserfahrung, konnte medizinische Behandlungen durchführen, aber ich habe auch etwas Neues gelernt. Zum Beispiel habe ich Kurse für chirurgische Schwestern absolviert und viel Neues über die Gastroenterologie gelernt. Natürlich hat mir diese Zeit viel gegeben, denn Praxis ist Praxis. Außerdem gab es dort viele Krankheiten, die es in der Sowjetunion nicht gab: Hepatitis B, Typhus. Die Genesung nach einer solchen Krankheit dauerte lange, sie erforderte bestimmte medizinische Manipulationen und Körperpflege. In unserem Krankenhaus starben die Patienten selten. Wenn dies passiert war, war es für alle eine Tragödie“, sagt Tatjana Jeremschikowa. 

„Natürlich sind die damaligen Jungs heute betagte Männer. Man möchte, dass niemand mehr etwas Ähnliches durchmachen muss, was wir damals erlebt haben. Man möchte gut und friedlich zusammenleben“, resümierte sie. 
Abonnieren Sie uns auf
X
Top-Nachrichten
Letzte Nachrichten aus Belarus