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Gesellschaft
17 Juni 2022, 20:05

Reportage. Mariupol ersteht aus Ruinen auf: Industrie und Kultur

Nach langen und intensiven Kämpfen hat sich Mariupol bis zur Unkenntlichkeit verändert. Die Stadt ist in einem traurigen Zustand, und es wird viel Zeit und Mühe kosten, sie wiederherzustellen. Ein BelTA-Korrespondent ist nach Mariupol gereist, um zu sehen, wie heute eine Stadt lebt, in der vor nicht allzu langer Zeit noch Geschosse explodierten und Schüsse zu hören waren.

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Mariupol begrüßt seine wenigen Besucher mit Buchstaben aus Beton, aus denen sich der Name der Stadt zusammensetzt. Just zum Tag Russlands wurden sie in Farben der russischen Trikolore bemalt. Das ist mehr als beeindruckend. Ein Lastwagen mit russischen Soldaten rast vorbei. Die Jungs rufen „No pasarán“, den berühmten Slogan der antifaschistischen Bewegung des spanischen Bürgerkriegs. Ich lächle und hebe meine Faust als Zustimmung. Der Lkw verschwindet aus dem Blickfeld.

Wir fahren in die Stadt ein. Nach den Kämpfen sind in Mariupol fast keine unbeschädigten Gebäude mehr geblieben. Überall liegen Glasscherben herum, Häuser wurden verbrannt, Bäume wurden umgestürzt. Die Szene ist deprimierend. Besonders auffällig ist die Zahl der Menschen auf den Straßen der Stadt. Nach allem, was sie hier erlebt haben, ist es sicherlich schwer, zur Normalität zurückzukehren. Und erlebt haben diese Menschen wirklich viel. So etwas möchte man niemandem wünschen. Aber die Menschen leben weiter. Sie bauen ihre Stadt aus den Trümmern wieder auf.

Der Hafen von Mariupol ist geöffnet und bereit, Güter zu verschiffen. Er sieht beeindruckend aus. Hohe Kräne ragen in den Himmel, verschiedene Schiffe liegen am Kai und das Gelände ist riesig. Hier ist der normale Betrieb noch nicht eingekehrt, aber am Ufer sind bereits fleißige Arbeiter zu sehen, Schiffe stechen ins Meer. Auch der Hafen wurde bei den Kämpfen um Mariupol beschädigt: Die meisten Gebäude wurden komplett zerstört, Kräne und Ausrüstung viel weniger.

An der Küstenlinie sind immer noch Minen zu finden. Die Pioniere sind auch heute noch im Einsatz. Die Minenräumung wird von der Schwarzmeerflotte durchgeführt. Das sieht so aus: Ein Militärfahrzeug befindet sich auf dem Wasser und das andere auf dem Land. Zwischen ihnen wird ein Seil mit einem Schleppnetz gespannt. Die Fahrzeuge bewegen sich parallel. Wenn das Schleppnetz auf eine Mine trifft, explodiert sie. Die Technologie ist einzigartig. Die Mine wird gesprengt. Eine ohrenbetäubende Explosion hebt eine Wassersäule ein Dutzend Meter in die Höhe. Wir werden mit kühlem Meerwasser überschüttet. Die Fahrzeuge bewegen sich weiter und die Wassersäulen entstehen noch lange dicht nebeneinander. Es ist ein faszinierendes Erlebnis. Aber es ist besser, die Entminung aus dem Schutz zu beobachten – mit der Gischt fliegen auch Minensplitter. Man sollte sie nicht als Souvenir mitnehmen. Man sagt, das bringt Unglück.

Wir steigen in den Bus und fahren weiter. Unsere nächste Station ist die Maruipoler Philharmonie. Das ist ein Ort, wo sich die Menschen gewöhnlich ausruhen. Wo sie sich geistig bereichern. In der Philharmonie gibt es kein Orchester und keine Musiker. Auf der Bühne stehen Schauspieler des örtlichen Theaters, das bei einer Explosion zerstört wurde. Eine Probe ist im Gange. Dutzende von Zuschauern im Saal beobachten das Geschehen auf der Bühne. Die Schauspieler spielen aus dem Herzen heraus: Sie gestikulieren, rufen aus, korrigieren sich gegenseitig, schlagen vor, wie man eine Episode am besten spielt. Und das alles ist völlig aufrichtig. Schauspieler sind heute genauso notwendig wie Mediziner oder Bauarbeiter. Trümmer, Raketenangriffe, Explosionen sind in Mariupol Geschichte oder eine sehr tragische Episode. Ein friedliches Leben kehrt ein, und die Kultur spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Ich frage einen der Schauspieler, was sie gerade proben. „Ein einträglicher Posten“ von Ostrowski, sagte er. Es gab Zeiten, als russischsprachige Stücke verboten waren. Jetzt kehrt die russische Kultur nach Mariupol zurück. Die Truppe hat eine Menge kreativer Pläne. Sie will zum Stadttag das Stück über die Bühne bringen. Der Schauspieler ist froh, wieder auf der Bühne zu stehen. Er ist sich sicher: Jetzt ist es wichtig, den Menschen den Glauben an die Zukunft zu geben und sie zum Lachen zu bringen. Er glaubt, dass sich die Menschen jetzt freier fühlen können, als Russland da ist.

„Der Westen und seine Politiker sind schuld daran, dass es hier Krieg gibt. Das ist hier jedem klar. Aber das wird vorbei sein. Wir werden leben, unsere Zukunft aufbauen, Kräfte schöpfen und uns gegenseitig helfen. Was hängt von mir ab? Ich spiele hier...“, antwortet er mir.

Neben mir sitzen Journalistinnen aus den Niederlanden. Die Frauen kamen in den Donbass, um ihren Mitbürgern die Wahrheit über die Lage in der Ukraine zu erzählen. Sie erklären, dass die Menschen in den westlichen Ländern aus der ersten Hand informiert werden sollen. Sie geben den Stadtbürgern die Gelegenheit, dem Westen die Wahrheit zu sagen. Rückmeldungen sind unterschiedlich. Einige danken ihnen, andere hinterlassen wütende und beleidigende Kommentare. Die Frauen bedauern es sehr, dass die Entscheidungen ihrer Politiker die Tragödie in der Ukraine verursacht haben.

Dies ist das Ende der Reise nach Mariupol. Wir steigen in den Bus. Während er auf den kaputten Straßen von Mariupol hüpft, schaue ich aus dem Fenster hinaus. Es wird nicht einfach sein, hier alles in Ordnung zu bringen. Aber es gibt keinen Zweifel daran.

Andrej Woropai

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