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17 März 2024, 15:51

Todeslager von Osaritschi. Wie begann die Befreiung von Belarus 

MINSK, 17. März (BelTA) – Im Jahr 1944 war das Wehrmachtkommando auf die Idee gekommen, Zivilbevölkerung als lebendes Schutzschild gegen den Vormarsch der sowjetischen Truppen zu nutzen. Anfang März (1.-3. März) 1944 richteten die Besatzer in der Nähe der Dörfer Osaritschi, Dert und Podossinnik drei Vernichtungslager ein, wo über 50 000 Menschen aus den belarussischen Regionen Gomel, Mogiljow und Polesje sowie aus den russischen Regionen Smolensk und Orjol unter dem Vorwand der Evakuierung untergebracht waren. Diese drei Lager sind heute als Todeslager Osaritschi bekannt.  
Die Lager befanden sich im sumpfigen Gelände und wurden mit Stacheldraht umzäunt. Rundherum befand sich ein Minenfeld. Die Menschen wurden unter freiem Himmel gehalten. Es war strengstens untersagt, Hütten oder Unterstände zu bauen, Reisig für die Betten zu sammeln oder Feuer zu machen. Die Gefangenen erhielten weder Nahrung noch Trinkwasser. Typhus- und andere Infektionskranke wurden aus den benachbarten Siedlungen in die Lager gebracht, um die Krankheiten unter der örtlichen Bevölkerung und später unter den Kämpfern der Roten Armee zu verbreiten. Die Häftlinge wurden Tag und Nacht von deutschen Soldaten auf Wachtürmen bewacht. Wenn sich jemand dem Stacheldraht näherte, wurde ohne Vorwarnung geschossen.

Der März 1944 war kalt. Die Nächte waren frostig, tagsüber regnete es, und am 15. März schneite es. Die Frauen sammelten Kinder zu Gruppen von 15-20 Personen, deckten sie mit allem Möglichen zu und retteten sie so vor dem Kältetod. Essen konnten sie nur das, was sie vor den Wachen verstecken konnten: Roggenkörner, Weizen, Hirse und Mehl. Durst stillen musste man mit Sumpfwasser. Jeden Tag und vor allem jede Nacht kamen Hunderte von Menschen ums Leben. Niemand brachte die Toten aus dem Lager, sie blieben unbestattet auf der Erde liegen. 
In der Nacht zum 17. März ließen die Nazis die Häftlinge im Lager und zogen sich 7 km nach Westen zurück. Am nächsten Tag versuchten einige Häftlinge das Lager zu verlassen, aber alle starben auf Minenfeldern. 
Am 18. und 19. März befreiten die Truppen der 65. Armee (unter dem Kommando des Generalleutnants Pawel Batow) der 1. weißrussischen Front mehr als 33 000 Menschen aus den Lagern Osaritschi, darunter fast 16 000 Kinder unter 13 Jahren. Die Umsetzung der unmenschlichen Anweisungen der Führer des Dritten Reiches durch die Generäle der Wehrmacht kostete allein im Todeslager Osaritschi mindestens 20.000 Menschen das Leben. 
Mehr als 22 Offiziere und bis zu 50 Sanitäter betreuten die befreite Bevölkerung. Trotz der vom Kommando der 65. Armee getroffenen Maßnahmen starben viele Häftlinge nach der Befreiung. Auch mehr als 50 Soldaten der Roten Armee, die an der Befreiung der Lager teilnahmen, erkrankten an Typhus und starben. 
Die Militärstaatsanwaltschaft der 65. Armee untersuchte die von den Nazis im Vernichtungslager Osaritschi begangenen Verbrechen. Die Überlebende Tatjana Reschetko aus dem Dorf Samoschki erzählte später: „Lange vor der Eröffnung des Lagers suchten die Nazis in den Dörfern nach Typhuskranken, die in das Todeslager Osaritschi gebracht wurden, in der Erwartung, dass sie gesunde Häftlinge anstecken würden. Insgesamt wurden mehr als 50 Tausend Menschen in die Lager von Osaritschi gebracht. Inmitten eines riesigen Sumpfes lagen alte Männer, Frauen und Kinder auf schneebedeckten Hügeln, abgemagert, blau vor Kälte und Hunger und sahen aus wie Skelette. Die Zahl der Toten in den Lagern stieg von Tag zu Tag. Die Nazis erlaubten es nicht, die Leichen der Toten zu beseitigen. Es war schwierig, zwischen den Toten und den Lebenden zu unterscheiden. Jede Woche wurden neue Leite in die Lager gebracht, unter denen es sowohl kranke als auch gesunde Menschen gab. Die Gesunden steckten sich mit Typhus an und starben einige Tage später.“ 
Nadeschda Schurawljowa aus dem Dorf Slonische erzählte: „Das Lager in der Nähe von Osaritschi, wohin wir gebracht wurden, war voller Menschen, ich musste mich neben das Tor stellen. Ich verbrachte drei Tage in diesem Lager, dann wurden wir von der Roten Armee befreit. Unter den Gefangenen im Lager waren viele Kranke. Es wurden immer neue eingeliefert, aber einige waren auch schon im Lager krank. Das waren vor allem Typhuskranke. Die Deutschen gingen mit ihnen äußerst grausam um. Als ich in der Nähe des Tores war, beobachtete ich, wie Autos mit Typhuskranken ankamen. Sie wurden ausgeladen und übereinander gestapelt. Insgesamt sah ich zwei volle und einen halb gefüllten Wagen mit Kranken. Einige Menschen konnten selbstständig aussteigen. Jeder Wagen konnte bis zu 40 Personen aufnehmen, wahrscheinlich sogar mehr. Insgesamt wurden über 100 kranke Menschen heruntergeworfen. Sie wurden direkt auf der Straße gestapelt, und wir waren gezwungen, sie ins Lager zu schleppen. Frauen, die einen solchen Wagen sahen, rannten zu ihm und luden ihn selbst aus, denn von den 100 Menschen waren mindestens 60 Kinder im Alter von 1 bis 5 Jahren. Es gab fast keine jungen Erwachsenen. Es waren alte Menschen und Kinder. Von 100 kranken Menschen starben am Tag der Ankunft mindestens 40 Personen, einige starben später.“
 
Die Berichte zu den Ermittlungsunterlagen über die Vernichtung von Sowjetbürgern, die am 4. April 1944 vom Militärstaatsanwalt der 65. Armee, Oberst der Justiz Burakow, genehmigt wurden, und die Ermittlungsunterlagen wurden der Außerordentlichen Staatlichen Kommission für die Untersuchung der von den Nazi-Invasoren begangenen Gräueltaten übergeben.
Das Protokoll der Sitzung der Außerordentlichen Staatlichen Kommission und die Untersuchungsunterlagen über das Konzentrationslager Osaritschi wurden bei den Nürnberger Prozessen berücksichtigt. 

In der Anklageschrift des Internationalen Militärgerichtshofs Nr. 1 wurden die Verbrechen im Todeslager Osaritschi in Übereinstimmung mit dem Londoner Abkommen vom 8. August 1945 und dem Statut dieses Gerichtshofs als Kriegsverbrechen eingestuft, nämlich: „Verletzung der Gesetze und Gebräuche des Krieges“ und die Todeslager wurden vom Tribunal als „Konzentrationslager unter freiem Himmel“ anerkannt.
Im Jahr 1965 wurde auf dem Gelände des Vernichtungslagers Osaritschi eine Gedenkstätte errichtet.
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