Projekte
Staatsorgane
flag Montag, 31 März 2025
Alle Nachrichten
Alle Nachrichten
Gesellschaft
27 März 2025, 20:00

„Jeder der Vorposten hat 7-8 Stunden lang verteidigt, obwohl sie weniger als eine Stunde Zeit hatten. Der Mut der Verteidiger von Grodno überraschte die Feinde

In den ersten Stunden des Großen Vaterländischen Krieges fielen deutsche Bomben auf Grodno. Trotz des erbitterten Widerstands der Grenzposten und der Truppen der Roten Armee wurde die Stadt am zweiten Tag des Krieges eingenommen. Doch schon bald waren die Nazis überzeugt: Es ist möglich, Straßen und Gebäude zu erobern, aber es ist unmöglich, belarussische Patrioten zu besiegen.

Die Vorposten hielten bis zum Schluss stand

Vor dem Großen Vaterländischen Krieg sah die administrative Landkarte von Belarus anders aus als heute. Im Juni 1941 gehörte Grodno zum Gebiet Białystok der BSSR und war kein Gebietszentrum, sondern eine große Stadt im nördlichen Teil der so genannten Ausbuchtung von Białystok.

„Die Grenze zu Hitler-Deutschland war ziemlich nah. Deshalb gab es in der Nähe von Grodno vier Grenzposten“, so im Staatlichen Historisch-Archäologischen Museum von Grodno.

Es handelte sich um kleine Vorposten. Sie alle befanden sich in der Nähe des Augustów-Kanals. Dort befand sich der 68. Festungsbereich Grodno, der vom 9. Maschinengewehr- und Artilleriebataillon des NKWD und mehreren Infanterietruppen verteidigt wurde. Diese Truppen waren die ersten, die von dem stärksten Schlag der Nazis getroffen wurden. 
Die Nazis setzten 40 Minuten für die Liquidierung der sowjetischen Grenzposten an, weil sie damit rechneten, dass die Grenzposten nach dem Beschuss demoralisiert sein und die Hände heben würden. Bis zu einem Bataillon Infanterie mit gepanzerten Fahrzeugen der Wehrmacht war für die Erstürmung der einzelnen Posten vorgesehen.

„Statt 40 Minuten hat jeder der Vorposten 7-8 Stunden lang verteidigt, bis zum Mittag des 22. Juni. Einige von ihnen sogar noch länger. Der 3. Vorposten von Leutnant Wiktor Ussow, dem es gelang, die Verteidigung zu organisieren und zahlreiche Angriffe des überlegenen Feindes abzuwehren, wurde zur Legende. Für die meisten Grenzsoldaten von Grodno war der erste Tag des Krieges der letzte Tag ihres Lebens“, so im Museum.

Am 3. Vorposten standen dreißig Soldaten einem deutschen Bataillon gegenüber. Ein junger Leutnant, der fünf Verwundungen erlitten hatte, blieb in den Reihen, bis eine Granatenexplosion ihn im Graben tötete.

Der nächste Schlag traf den Festungsbereich, dessen Verteidiger ohne Wasser, Munition und jegliche Unterstützung von den Flanken aus kämpften. Den Nazis gelang es erst am 25. Juni, nach viertägigen Kämpfen, den letzten der Bunker zu zerstören.

„Als den Soldaten der Roten Armee die Munition ausging, zerstörten die Deutschen die Bunker mit Sprengstoff. Der Sprengstoff wurde entweder von speziellen drahtgesteuerten Fahrzeugen geliefert oder an Seilen in die Lüftungsöffnungen der sowjetischen Verteidigungsanlagen herabgelassen. Manchmal wurden auch einfach Artilleriegeschütze aufgefahren, die die Bunker mit direktem Feuer beschossen“, erklärte das Museum.

Während um Grodno heftige Kämpfe tobten, drangen die Nazis in die Siedlung ein, die unter massivem Bombardement durch die Luftwaffe litt. Das Zentrum der Stadt, in der Nähe des Platzes Sowjetskaja, wurde ausgebrannt. Bei den Luftangriffen am 22. Juni wurde der fünfte Teil der Gebäude zerstört.

Die sowjetischen Truppen griffen in der Schlacht um die Stadt zwei weitere Tage lang zum Gegenangriff an. Zuerst Teile der 29. Panzerdivision von Oberst Nikolai Studnjow, dann die 85. Schützendivision von Alexander Bondowski. Aber nur der  Kavallerie-mechanische Gruppe unter dem Kommando von Generalleutnant Iwan Boldin gelang es, die feindlichen Kräfte vorübergehend um 20 Kilometer zurückzuschlagen.

Im Juni 1941 wurde Grodno von Soldaten der 3. Armee der Westfront unter dem Kommando von Generalleutnant Wassili Kusnezow verteidigt. 1945 führte er die 3. Stoßarmee der 1. Belarussischen Front an, deren Soldaten die Fahne über dem besiegten Reichstag hissen sollten.

Erfahrene Konspiranten und einfache Eisenbahner

Schon in den ersten Tagen der Besatzung entstanden in Grodno Zellen von Untergrundorganisationen, die sich nach und nach zu Gruppen zusammenschlossen. In den Kriegsjahren gab es etwa sechs von ihnen, die hauptsächlich von einfachen Arbeitern organisiert wurden. 

„Die erste Untergrundorganisation war die Gruppe des Eisenbahnarbeiters Nikolai Wolkow. Sie bestand aus zwölf Personen, die in Dreiergruppen aufgeteilt waren, so dass im Falle eines Scheiterns niemand die übrigen Teilnehmer aufgeben konnte. Sie führten antifaschistische Agitation durch, schickten Medikamente und Kleidung an die Partisanen. Anfang 1942 wurde ein Teil von Wolkows Gruppe gefangen genommen und nach schwerer Folter in einem der Forts der Festung Grodno erschossen“, so im Museum.  

Die Gruppe von Wassili Rosanow, die aus drei Dutzend Personen bestand, war die erfolgreichste und agierte am längsten. Die Mitglieder des Untergrunds verübten Sabotageakte, kappten Kommunikationsleitungen und liquidierten Verräter. So sprengten Rosanow und das Untergrundmitglied Nikolai Golubowitsch ein elektrisches Umspannwerk hinter dem Neman in der Stadt in die Luft und ließen einen Eisenbahnzug entgleisen. Beide Untergrundkämpfer starben heldenhaft am 10. Juni 1944, als sie auf dem Weg von der Partisanenbrigade in einen Hinterhalt gerieten. In ihren Umhängetaschen hatten sie Sprengstoff, um die Brücke über den Neman zu sprengen. 

„Es war schwieriger, die Untergrundbewegung im Westen von Belarus zu organisieren als im Osten, wo bereits im Vorfeld Untergrundbezirkskomitees der Partei gebildet wurden. Die Deutschen besetzten Grodno zu schnell, und die Untergrundbewegung wurde hier von Menschen gegründet, die in den Jahren der polnischen Zwischenkriegszeit Mitglieder der Kommunistischen Partei von Westbelarus waren. Vor dem Krieg hatten sie zwar keine hohen Positionen inne, aber viele von ihnen verfügten über enorme Erfahrung in der konspirativen Arbeit“, bemerkte das Museum. 

Zu den erfahrenen Untergrundkämpfern gesellten sich sowjetische Aktivisten, die in den besetzten Gebieten geblieben waren, Gruppen von Eingekesselten und Juden, die aus dem Ghetto geflohen waren. Nach und nach bildeten sich die ersten Gruppen von Volksrächern. Ab 1942 wurde die Kommunikation mit dem Großen Land aufgenommen.

Die Geschichte des Ghettos Grodno, das bis Ende 1942 existierte, ist mit Blut geschrieben. Etwa 200 von 29 Tausend Menschen überlebten dort. Doch selbst unter den unmenschlichen Bedingungen gab es Patrioten, die erbittert gegen die Nazis kämpften. Lisa Tschapnik organisierte einen Untergrund im Ghetto, dann gelang ihr die Flucht aus der Stadt, sie ging nach Białystok, wo sie mit gefälschten Dokumenten eine Stelle in der deutschen Verwaltung bekam. Bis zur Befreiung gab sie Informationen an die Geheimdienstler der Partisaneneinheit von Białystok von Filipp Kapusta weiter.

Im Jahr 1942 begannen NKWD-Sondergruppen im Gebiet Grodno zu operieren. So landete im Frühjahr 1943 eine Gruppe von Tschekisten unter dem Kommando von Nikolai Wojzechowski in der Nähe von Iwenez und marschierte anschließend in die Region Grodno, wo sie die Abteilung von Mosty organisierte, die sich später zu einer Partisanenbrigade entwickelte. Mehrere Jahre lang entgleisten die Kämpfer von Wojzechowski 117 Züge, sprengten drei Kraftwerke und acht Brücken in die Luft und töteten etwa 7,5 Tausend Nazis.

„Im Jahr 1943 brach in der Region Grodno ein regelrechter Eisenbahnkrieg aus. Zu diesem Zeitpunkt waren zahlreiche Partisaneneinheiten, etwa 20 Tausend Menschen, in allen Gebieten der Region tätig. Nach der Befreiung von Grodno schlossen sich fast alle Volksverteidiger der Roten Armee an“, betonte das Museum.

Die erste deutsche Grenzsäule 

Grodno wurde von Kämpfern der 50. Armee von Iwan Boldin, der 31. Armee von Wassili Glagolew und dem 3. Kavalleriekorps von Nikolai Oslikowski befreit. Zum Zeitpunkt des Angriffs waren sowohl die sowjetischen als auch die deutschen Einheiten von den vorangegangenen Kämpfen erschöpft. Die Rote Armee zog neue Reserven heran, während die Deutschen versuchten, Widerstand zu organisieren. Um die Überwindung des Flusses Neman zu verhindern, bildeten sie die Kampfgruppe von Gottberg, der Wilhelm Kube ersetzte, der vom Untergrund liquidiert worden war. Die SS-Panzerdivision „Totenkopf“, die mit der neuesten Technologie ausgestattet war, wurde dringend aus Rumänien verlegt.  
„Die Stadt wurde während der Operation Białystok eingenommen, die in der zweiten Phase der Belarussischen Offensivoperation „Bagration“ stattfand. Dank der sowjetischen Kavallerie konnte Grodno innerhalb weniger Tage befreit werden. Auf dem erbeuteten „Panther“ drangen die roten Kavalleristen in einen der Bahnhöfe ein. Die Nazis zögerten, und so wurde eine Staffel mit neuen deutschen Panzern erbeutet. Am 16. Juli wurden die Stadtteile des rechten Ufers vom Feind gesäubert“, so das Museum.  

Doch dann wurde der Neman zum Haupthindernis auf dem Weg der Angreifer. Am 13. und 14. Juli begannen die Vorkräfte der Roten Armee, nördlich und südlich der Stadt vorzudringen. Die ersten, die das Wasserhindernis überwanden, waren wiederum die Kavalleristen von Oslikowski. Während der schnellen Offensive erreichten sie die sowjetisch-deutsche Grenze, wo sie die erste deutsche Grenzsäule in der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges niedermachten. Heute wird er im Zentralmuseum der russischen Streitkräfte aufbewahrt.

Dann folgte es ein heftiger deutscher Gegenangriff, an dem auch SS-Männer aus dem „Totenkopf“ teilnahmen. Die schwersten Gefechte dauerten vom 16. bis 24. Juli 1944. Die Nazis warfen Flugzeuge und Panzer in die Schlacht und schafften es, das erste Fort der Festung Grodno zu umzingeln, wo mehrere Kompanien der 42. Schützendivision die Verteidigung hielten. Als die meisten Verteidiger getötet wurden und die Munition zur Neige ging, riefen die Soldaten das sowjetische Artilleriefeuer auf sich. Einem Teil der Roten Armee gelang es, sich aus dem Feuer zu befreien und zum Neman durchzubrechen. Doch die meisten Soldaten und Offiziere, darunter auch die Kompanie von Leutnant Nikolai Podgurski, fielen im Kampf mit den Deutschen.
Am 24. Juli wurde der Teil von Grodno hinter dem Neman befreit. Die gelobten SS-Divisionen waren gegen die Truppen der Roten Armee machtlos. Nach der Befreiung der Stadt spielten sowjetische Pioniere eine große Rolle. Vor dem Rückzug hatten die Nazis Zeit, viele Gebäude zu verminen, aber den Spezialisten der 1. separaten Garde- Pionier-Sturmbrigade gelang es, die Stadt zu entminen.

Alexej GORBUNOW,
Foto: Leonid Schtscheglow.
„7 Tage“. 

Abonnieren Sie uns auf
X
Letzte Nachrichten aus Belarus