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"CHRONIKEN "
Er hat über 200 Menschenleben gerettet. Jahrelang wusste aber niemand etwas davon. Man nennt ihn Moses des 20. Jahrhunderts, der sowjetische Oskar Schindler. Das israelische Institut Yad Vashem hat Nikolai Kisseljow 2005 den Titel "Gerechter unter den Völkern" verliehen. Ein paar Jahre später kam der Film "Kisseljows Liste. Aus der Hölle gerettet" ins Kino.
Nikolai Kisseljow wurde am 19. Dezember 1913 im Dorf Bogorodskoye (heute Republik Baschkortostan) in einer Bauernfamilie geboren. Er absolvierte eine Arbeiterfakultät in Ufa, später die Akademie für Außenhandel. Als der Große Vaterländische Krieg begann, ging Nikolai freiwillig an die Front.
Er diente in der 29. Schützendivision als Politarbeiter und nahm an der berühmten Schlacht bei Wjasma teil, wo er eine Schlagwunde erlitt, darauf von den Nazis gefangen genommen und zusammen mit anderen Kriegsgefangenen nach Deutschland abgeschleppt wurde. Aber nicht weit von der Stadt Molodetschno gelang es ihm und seinen Kameraden, die Bretter im Güterwagen aufzubrechen und zu fliehen. So landete er im Kreis Molodetschno, wo er sich nach einer Weile in der Siedlung Ilja (Kreis Wilejka) wiederfand. Er arbeitete als Schmied und nahm eine Verbindung zu den Partisanen auf.
Das war ein Mann mit einem großen Herzen, ein wahrer Patriot. Das Schicksal hat es so gewollt, dass er gerade zu jener Zeit in unserer Region auftauchte. In Ilja hat er sofort den Kontakt zum örtlichen Schmied Josef Berman gefunden. Er arbeitete in dessen Schmiede, allerdings unter dem Namen Fjodor Balandin. So hieß übrigens sein Stiefvater. Aber die Einheimischen nannten ihn Fedot. Dort lebt heute der Sohn von Josef Berman, Iwan Iossifowitsch, er bewahrt die Erinnerung an Nikolai Kisseljow.

Am 25. Juni 1941, drei Tage nach dem Ausbruch des Großen Vaterländischen Krieges, wurde der gesamte Kreis Wilejka von den deutsch-faschistischen Invasoren besetzt. Sie fingen an, die "neue Ordnung" herzustellen. Zunächst wollten sie die "Judenfrage" lösen. In Dolginowo lebten vor dem Krieg fünftausend Menschen.
Dort lebten über 3000 Juden. Sie prägten das alltägliche Leben der Siedlung: Es waren Handwerker, Kaufleute, Händler, Ärzte, Lehrer. Was sich dort später ereignete, war eine große Tragödie für die Bewohner. Im Herbst 1941 wurde in Dolginowo ein Ghetto eingerichtet, und im März 1942 führten die SD-Leute die erste Vernichtungsaktion durch. Es wurden über 800 Menschen getötet. Die zweite Aktion fand im April 1942 statt, am 5. Juni 1942 wurde das Ghetto vollständig liquidiert. Insgesamt kamen über 2000 Menschen ums Leben. Aber das waren nicht nur die jüdischen Einwohner von Dolginowo, sondern auch Menschen aus den umliegenden Siedlungen und Dörfern.

Nur wenige Hundert Menschen konnten sich retten. Etwa dreihundert Menschen gingen in die Wälder.