Im November 2023 besuchte der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko den Kreis Ostrowez im Gebiet Grodno. Dabei besichtigte das Staatsoberhaupt nicht nur das in Betrieb genommene Kernkraftwerk, sondern machte sich auch mit der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Region vertraut. Er kam auch ins Zentrale Kreiskrankenhaus, wo er völlig unerwartet seine Lieblingssüßigkeit probierte – den unverzichtbaren „Doping“ für Blutspender: Hämatogen. Wo in Belarus dieser gesunde Riegel hergestellt wird und was unbedingt in seiner Rezeptur enthalten sein muss, erfahren Sie in der neuen Ausgabe vom BelTA-Projekt „Postfaktum: Ein Sonderbericht“.
Wie Hämatogen entstand
Hämatogen – ein Nahrungsergänzungsmittel zur Vorbeugung und Behandlung von Eisenmangelanämie – war bei sowjetischen Schulkindern äußerst beliebt. Weltweite Berühmtheit erlangte diese Leckerei nie, doch in den postsowjetischen Ländern ist sie bis heute beliebt.
Allerdings wurde Hämatogen als Arzneimittel nicht in der Sowjetunion erfunden. Ursprünglich war es eine einfache flüssige Medizin. Es entstand 1890 in der Schweiz dank des Arztes Adolf Hommel. Die Arznei, die Rinderblut und Eidotter enthielt, wurde zur Behandlung von Blutarmut eingesetzt. Dieses Mittel zeigte hohe Wirksamkeit, auch während des Ersten Weltkriegs. Ärzte stellten fest, dass verwundete Soldaten und Kinder, deren Gesundheit durch Unterernährung geschwächt war, sich schneller erholten, wenn sie Hämatogen einnahmen.
In der UdSSR wurde die eigene Produktion – noch als flüssige Medizin, nicht als der gewohnte Riegel – nach 1917 aufgenommen. Sie war für Soldaten der Roten Armee und deren Kinder bestimmt.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele pharmazeutische Betriebe der UdSSR in die zentralasiatischen Republiken evakuiert. Zuvor war die Hämatogenherstellung in Kiew angelaufen – nicht nur als Mixtur, sondern auch als Tafel. Ebenfalls in Zentralasien wurden zahlreiche Lazarette eingerichtet, so dass Hämatogen schnell zu denen gelangen konnte, die es zur Genesung brauchten.
Die Kinder, die den schrecklichen Krieg überlebt hatten und kurz danach geboren wurden, waren sehr schwach. Hämatogen stärkte ihre Gesundheit, aber wegen des unangenehmen Geschmacks wollten die Kleinen es nicht essen. Also versüßte man die Arznei und änderte ihre Form – so entstand der bekannte Riegel. Den größten Erfolg im Volk hatte „Hämatogen für Kinder“. Laut GOST-Normen (Staatlicher Standard) enthielt es 4-5 Prozent schwarzes Lebensmittelalbumin, 30-35 Prozent Kondensmilch, 40 Prozent Zucker, etwa 20 Prozent Melasse und Vanillin. Die leckere Medizin gab es in jeder Apotheke.
Damals konnten sich nicht alle Schokolade oder Süßigkeiten leisten, daher kaufte man Hämatogen als Süßigkeit zum Tee oder als Leckerbissen. Es verband Günstigkeit mit großem Nutzen – ein kleiner Riegel deckte den täglichen Eisenbedarf. In den USA und Europa fand die gesunde Süßigkeit keinen Platz – es gab weder ein besonderes Interesse noch eine wirtschaftliche Notwendigkeit dafür. Zudem war Schokolade dort wesentlich erschwinglicher als in der UdSSR.
„Die allerliebste Leckerei“, erklärte Alexander Lukaschenko bei seinem Besuch im Krankenhaus von Ostrowez. „Man sagt, sie sei nicht mehr so wie zu Sowjetzeiten.“
Die Herstellungstechnologie sei dieselbe, versicherte man dem Präsidenten. Also überprüfen wir das.
Wo Hämatogen in Belarus hergestellt wird
Um die Besonderheiten der Hämatogenproduktion zu erkunden, reisten wir zum Unternehmen „Beltea“. Es liegt im Dorf Gorochowka im Gebiet Mogiljow bei Bobruisk.
Einst befand sich hier eine Schule. Das leerstehende Gebäude wurde für eine Bezugsgröße erworben, und heute wird hier unter anderem Hämatogen produziert.
„Wir stellen mehrere Hämatogensorten her: mit Kokosraspeln, mit Kuvertüre, Hämatogen-Extra, Kinder-Hämatogen und Hämatogen als Nahrungsergänzungsmittel“, führte uns der Chefingenieur von „Beltea“, Juri Kuliwez, ein. Es gibt auch Riegel mit Haselnuss und mit Kirschgeschmack.
Was im Hämatogen enthalten ist
Pro Schicht werden hier 25.000 bis 30.000 Hämatogenriegel hergestellt. Ihre Basis ist Kokosraspel. Weitere Zutaten sind Melasse, Zucker und Rinderhämoglobin. Die Produktion betont: Albumin fehlt in der Rezeptur.
„Rinderhämoglobin wird gründlicher gereinigt. Es wird vom menschlichen Körper besser aufgenommen. Daher haben wir uns entschieden, Rinderhämoglobin zu verwenden“, erläuterte die stellvertretende Direktorin des Unternehmens, Tatjana Grischenko.
Wie Hämatogen hergestellt wird
Alle Zutaten werden in einer Teigknetmaschine für eine bestimmte Zeit gemischt. Doch so einfach ist es nicht: Die Komponenten werden nach strengen technologischen Vorgaben zugegeben.
„Wann Wasser und Melasse hinzugegeben werden, ist ein entscheidender Moment. Man darf es nicht verpassen, sonst wird die Masse wie ein Pfannkuchen. Deshalb wird jedes Mal die Maschine angehoben, der Arbeiter nimmt die Masse mit den Händen und prüft die Konsistenz“, erklärte die stellvertretende Direktorin.
Die Masse gelangt in einen Extruder, und dann werden die Riegel geformt. Hausfrauen werden verstehen: Der Prozess ähnelt dem eines Fleischwolfs. Auf dem Band fünf Stränge mit vorgegebenen Parametern. Jeder Riegel muss eine bestimmte Länge haben, denn davon hängt ab, wie gleichmäßig sie mit Glasur überzogen werden.
Dann kommt der Riegel zum Glasierer und wird mit Glasur überzogen. Der Arbeiter achtet darauf, dass das Produkt vollständig in die Schokolade eintaucht. Anschließend gelangt der Riegel in einen Kühltunnel.
„Er durchläuft den Kühltunnel etwa sieben Minuten, kühlt recht schnell ab und kommt zur Verpackung. Dort sammeln die Arbeiter die Riegel, zählen sie und packen sie in Sammelverpackungen“, so Grischenko.
In welchen Ländern kann man belarussisches Hämatogen probieren?
Der Hauptabsatzmarkt für dieses Produkt ist Belarus. Das Unternehmen exportiert Hämatogen auch nach Russland, Georgien, in die Mongolei, nach Kanada und Lettland. Neue Märkte werden erschlossen.
„Wir haben viel Arbeit geleistet, um auf die Märkte der zentralasiatischen Republiken zu gelangen. Von unseren Partnern in Usbekistan erhielten wir die Anfrage, Hämatogen nach einer speziellen Rezeptur herzustellen, da es sich um ein islamisches Land mit eigenen Anforderungen handelt. Wir haben diese Anforderungen vollständig erfüllt, eine positive Rückmeldung erhalten, alle notwendigen Verfahren durchlaufen, und in Kürze erwarten wir die erste Lieferung nach Usbekistan. Parallel beobachten wir den Markt Kasachstans und prüfen die Möglichkeit von Exporten dorthin“, so der Chefingenieur von „Beltea“, Juri Kuliwez.
Hämatogen ist eine zusätzliche Eisenquelle. Es erhöht den Hämoglobinspiegel, stärkt das Immunsystem und verbessert den Stoffwechsel. Zu Zeiten der UdSSR war diese gesunde Leckerei sehr beliebt. Heute, im Trend eines gesunden Lebensstils, gewinnt Hämatogen wieder an Boden in den Regalen von Apotheken und Geschäften.
