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14 Mai 2026, 18:55

„Nicht alle sind bereit, für diese Kunst Geld zu bezahlen“: Belarusse schafft einzigartige Bilder aus zerbrochenem Glas

Roman Bondar aus Baranowitschi glaubte nicht an Zeichen des Schicksals – bis er eines Tages einen Autounfall erlebte. Das Zeichen erkannte er an der zerbrochenen Windschutzscheibe. Heute begeistern seine Werke auf internationalen Shows, und er selbst beweist: Wenn Kreativität aus einem inneren Impuls heraus entsteht, wird sie sich mit Sicherheit einen Weg zu den Herzen der Zuschauer bahnen. Im Projekt „Belarussen im Fokus“ machen wir Sie mit einem Künstler bekannt, der kontrollierte Zerstörung von Glas in Kunst verwandelt.
„Wenn Kreativität aus einem inneren Impuls heraus entsteht, wird sie echt“

„Kristallkünstler“ – so stellt sich Roman Bondar lächelnd vor. Dieser Spitzname wurde ihm von einer jungen Frau verliehen, die im Internet ein Video über ihn sah und schrieb: „Ihr Riss sieht aus wie Kristall. Ich nenne Sie Kristallkünstler.“

„Mir gefiel ihre Bezeichnung auf Anhieb, und ich begann, diesen Spitznamen zu verwenden. Das Volk hat ihn mir sozusagen gegeben“, bemerkt der Held unseres Projekts.
Romans „Künstler-Geschichte“ begann mit einem Verkehrsunfall. Im Moment des Unfalls fiel ein Ast auf die Windschutzscheibe, und für den Bruchteil einer Sekunde erkannte er in den Rissen ein Bild – ein Gesicht. Später, als die Windschutzscheibe ausgetauscht wurde, erinnerte er sich an jene Erscheinung, konnte aber nichts mehr in den Rissen erkennen. Für eine Weile vergaß er den Unfall und das damit Verbundene völlig, doch eines Tages brannte er darauf zu erfahren, was das gewesen sein könnte. Er wusste damals nicht einmal, wie er die Suchanfrage im Internet richtig formulieren sollte.

Roman räumt ein, ein Skeptiker zu sein und an keinerlei Schicksalszeichen oder Hinweise des Universums zu glauben. Aber er gibt gleichzeitig zu: Hätte es den Unfall nicht gegeben, hätte er kein Talent in sich entdeckt und wäre nicht dazu gekommen, es zu nutzen, um Geld zu verdienen und den Belarussen eine völlig neue zeitgenössische Kunst zu präsentieren.

Unser Held versichert: Bleistift und Pinsel, Papier und Leinwand – das sind nicht seine Materialien. Als Beweis zeichnet er mit einem Kugelschreiber ein Hündchen auf Papier – es sieht aus, als hätte ein Kind es gezeichnet. Man traut seinen Augen kaum, denn wenn wir Romans Glasbilder betrachten, sind wir fest davon überzeugt, dass sie von einem professionellen Porträtisten geschaffen wurden.

Daher verbarg er seine Leidenschaft lange Zeit vor seinen Freunden, nur seiner Frau erzählte er davon. Bis heute sind seine Eltern und Verwandten ratlos: „Roman ist ein Künstler? Was für ein Künstler?“ Niemand glaubt es – und er selbst tut es auch nicht so ganz, daher betrachtet er sich eher als Handwerker und betont dabei – als Autodidakten.

Menschen, die sich mit dieser Art von Kunst – zerbrochenem Glas – beschäftigen, gibt es weltweit nur eine Handvoll. In Belarus ist Roman wohl der Einzige. Keiner der anerkannten Stars auf diesem Gebiet teilt sein Wissen, bietet Kurse oder Meisterklassen an. Roman nahm einfach einen Hammer in die Hand, legte Glas vor sich hin und begann darauf einzuschlagen. Zwei Jahre Übung – und aus den Rissen formte sich das erste Porträt.

„In jedem Handwerk ist es wichtig, ein geschultes Auge zu haben: Wenn man genau auf die Details schaut und versucht, sie nachzubilden, kann man Ergebnisse erzielen“, ist unser Held überzeugt. „Das Wichtigste ist, nicht mit dem Gedanken an Geld anzufangen. Wenn Kreativität aus einem inneren Impuls heraus entsteht, wird sie echt.“
„Ich kann nicht behaupten, dass ich das Glas hundertprozentig kontrolliere“

Heute ist Romans kreative Werkstatt die Garage seines Freundes, wo er sich seinen Arbeitsplatz eingerichtet hat.

„Für meine Kunst brauche ich nicht viel: eine perfekt ebene, harte Oberfläche und Hämmer, die ich nach meinen eigenen Vorstellungen anfertigen ließ. Meistens arbeite ich kniend. Ich stehe auf, kneife die Augen zusammen – so verschwinden grobe Risse, und ich sehe das Gesamtbild. Dann trete ich ein Stück zurück, um die Arbeit aus der Distanz zu beurteilen – aus der Nähe können die Details die Wahrnehmung verzerren“, erzählt unser Held und zeigt den Prozess des Klopfens eines Bildes auf Glas.

Eine Skizze für ein zukünftiges Bild entwirft er niemals. Er markiert lediglich einige Bereiche – für die zukünftige Nase, Augen... Entscheidend ist auf jeden Fall, das Gesicht zu visualisieren: Man muss es ‚sehen‘ und gleichsam vorausahnen, wie sich die innere Welt eines Menschen in der Realität manifestieren wird.

Diese Kunst birgt viele Fallstricke, versichert der Meister. Er schafft seine Werke auf mehrschichtigem schwarzem Glas (Triplex), da gewöhnliches Glas beim Aufprall in kleine Splitter zerspringt. Wichtig sind die Dicke und die Qualität. Man kann Glas mit derselben Transparenz und Stärke kaufen, doch es unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller.

Von der Kraft und dem Aufprallwinkel des Hämmerchens hängt die Beschaffenheit der Risse ab; sie können oberflächlich oder tief sein, die obere oder untere Schicht betreffen. Erst das richtige Verständnis der Glaseigenschaften und des Kontrasts von Schwarz und Weiß ermöglicht es, lebendige Gesichter zu schaffen, die sich als Netz aus feinen und groben hellen Rissen abzeichnen.

Auch der Hammeraufschlag klingt unterschiedlich: dumpf und hell, monoton und scharf. Kleine Splitter fliegen in alle Richtungen, Roman wischt sie regelmäßig mit den Fingern oder dem Hammer vom Bild. Ja, er arbeitet ohne Handschuhe und Schutzbrille. Er gesteht, dass kleine Splitter manchmal in die Haut eindringen, aber dann von selbst wieder herauskommen. Das ist Teil des Prozesses – gewissermaßen der Preis für die Kunst.

Auf dem geklopften Bild kann ich zunächst nichts erkennen. Roman schlägt vor, aufzustehen und aus einem Winkel zu schauen – und siehe da! ich erahne bereits das Gesicht eines Mannes. Was für eine Magie?

„Und wie sehen Sie dieses Bild, wenn Sie knien?“, wundere ich mich.

„Ich fühle es so“, bekennt unser Held. „Das kann man nicht erfassen, verstehen und sofort loslegen. Ich kann nicht behaupten, dass ich das Glas hundertprozentig kontrolliere. Das ist unmöglich: Wenn man draufschlägt, kann man nicht vorhersagen, wie es sich verhalten wird. Man kann sich nur ungefähr vorstellen, wie sich der Riss weiter entwickeln wird. Und dann ‚sagt‘ einem das Glas quasi, was zu tun ist, gibt die Bedingungen vor, und man interagiert mit ihm.“

Roman erzählte eine Geschichte, die seinen kreativen Prozess am besten veranschaulicht. Einmal gefiel ihm ein Element in einem Porträt nicht – das Auge. Es fiel aus der Gesamtkomposition heraus, und er musste etwas dagegen tun.

„Ich wusste: Wenn ich an dieser Stelle aufschlage, kann das Glas zerbrechen und ich würde die Arbeit ruinieren. Aber wie musste ich schlagen, um den gewünschten Effekt zu erzielen, ohne das Bild zu zerstören? Eine Woche lang ging ich um das Werk herum, dachte jeden einzelnen Schritt durch. Dieses Beispiel zeigt, dass ich den Arbeitsprozess nicht genau planen kann. Ja, ich habe Deadlines, aber ich verwende nie länger als einen Monat für ein Bild“, sagt der Kristallkünstler.

Porträts von Menschen auf Bestellung fertigt Roman nach Fotografien an. Für Ausstellungen und für die Seele – Gesichter von Berühmtheiten. In seiner Kindheit und Jugend war er von Musik begeistert. Riesigen Einfluss hatte damals auf ihn der Mitbegründer von Metallica, James Hetfield.

„Er wurde zu einem echten Idol für mich: Ich bin mit seiner Musik aufgewachsen, sie hat mein Verständnis von Stil, Geschmack und Rhythmus geprägt“, bemerkt unser Held. „Das Porträt von James Hetfield ist eine Hommage an einen Menschen, der meine Wahrnehmung von Kunst im Allgemeinen beeinflusst hat. Mein Traum ist es, ihm dieses Porträt persönlich zu überreichen …“

Romans Sammlung umfasst viele Porträts von Stars. Darunter sind Wladimir Wyssozki (das Werk kann im Museumskeller des Hotels „Bug“ in Brest besichtigt werden), Hollywood-Schauspieler, politische Persönlichkeiten und sogar Jesus Christus.

„Ich entferne mich allmählich von reinem Hyperrealismus in der Gesichtsdarstellung – mich interessiert zunehmend die tiefere Bedeutung“, sagt der Meister und zeigt Werke aus seiner neuen Sammlung mit dem Titel „Psychologische Porträts der Zukunft“. „Auf solchen Bildern ist die eine Hälfte ein reales Gesicht (zum Beispiel einer jungen Frau), die andere ein Versuch, das zu visualisieren, was im menschlichen Bewusstsein vor sich geht.“

Die Welt verändert sich rasant, und auch die Psyche der Menschen entwickelt sich mit enormer Geschwindigkeit. Ich glaube, wenn wir nicht lernen, in Frieden, Freundschaft und Liebe zu leben, könnte die innere Welt vieler von uns in Dunkelheit versinken. Die dunkle Seite auf meinen Bildern symbolisiert genau diese potenzielle Bedrohung.

„Man kann uns sowieso mit nichts mehr überraschen, aber so etwas sehen wir zum ersten Mal!“

Zwei Jahre lang arbeitete der Meister zurückgezogen, ohne seine Werke der breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Dann beschloss er, an der Kunsthandwerksmesse „Mlyn“ in Minsk teilzunehmen.

„Ich wollte zeigen, dass solche Kunst möglich ist, und das Klischee brechen, dass zerbrochenes Glas Unglück bringt“, sagt Roman über sein Ziel bei dieser Messe und erinnert sich an einen Vorfall auf dem „Mlyn“: „Eine Frau kam auf mich zu und sagte: ‚Sie haben eine Gabe von Gott, aber Sie nutzen sie in Teufels Namen“ – und brach in Tränen aus.“
Ausstellungen von Romans Bildern fanden bereits in seiner Heimatstadt Baranowitschi statt, sowie in Pruschany und in Berjosa im historischen Heimatkundemuseum. Die meisten Rückmeldungen sind positiv – die Menschen sind begeistert. 

Man kennt Roman Bondar nicht nur in Belarus, sondern auch außerhalb unseres Landes. Er nahm am internationalen Projekt „Erstaunliche Menschen“ auf dem Sender „Russland 1“ teil.

„An dem Projekt nahmen gemeinsam mit mir Vertreter aus fünf Ländern teil“, erzählte der Meister. „Zunächst dachte ich, dass meine Kunst nicht so recht ins Format der Sendung passt – früher gab es so etwas in der Show noch nie. Doch am Ende zog ich ins Finale ein und belegte nach der Anzahl der Stimmen den dritten Platz. Viele Zuschauer und sogar Jurymitglieder kamen zu mir und sagten: ‚Man kann uns sowieso mit nichts mehr überraschen, aber so etwas sehen wir zum ersten Mal!‘“

Er begeisterte das Publikum, indem er in nur 17 Minuten vor aller Augen durch das klare Klopfen seiner Hämmerchen auf Glas einen lächelnden Juri Gagarin entstehen ließ – in diesem Jahr feierten wir den 65. Jahrestag des ersten Menschenflugs ins All. Im Finale der Sendung verblüffte Roman Bondar alle mit einem mehrschichtigen Bild. Drei Glasscheiben: auf der ersten das Haar, auf der zweiten die Wangen und die Stirn, auf der dritten die Augen, der Mund und die Nase. Alle rätselten, wer es wohl werden würde, und als alle drei Scheiben zusammengesetzt waren, brach der Saal in tosenden Applaus aus, als das berühmte Foto von Albert Einstein mit herausgetreckter Zunge zu sehen war.

„Ich war sehr aufgeregt, denn in diesem Format arbeitete ich zum ersten Mal. Aber ich ging das Risiko ein, und alles lief hervorragend! In der Gesamtwertung des Projekts belegte ich den dritten Platz unter dreißig herausragenden Teilnehmern aus aller Welt. Das ist ein großartiges Ergebnis, finde ich“, so unser Held, der seine Freude kaum verbergen kann.
Als Roman bekannt wurde, interessierten sich Fachleute für seine Kunst, und ihm wurde bewusst, dass er sein eigenes Schaffen stark unterschätzt hatte.

„Bis sich eine neue Richtung etabliert hat, braucht es Jahre“, überlegt der Künstler. „Obwohl ich formal gesehen der Einzige in Belarus bin, gibt es noch nicht viele Aufträge: Nicht jeder ist bereit, für diese Kunst Geld zu bezahlen. Das gilt besonders für Menschen, für die zerbrochenes Glas mit etwas Negativem assoziiert wird – etwa Gläubige oder Aberglaübige. Die Neuheit und Experimentierfreudigkeit dieser Kunst, die ungewöhnlichen Materialien und Techniken halten die Nachfrage derzeit noch zurück. Diese seltene und wirklich neue Kunst können bisher nur wenige zu schätzen wissen.“

Heute entfernt sich Roman allmählich von Porträts hin zu Bildern auf Schaufenstern von Geschäften, Salons und Restaurants. Und er teilte seinen großen Traum mit uns:

„Kollegen aus anderen Ländern gestalten Schaufenster maximal auf fünf bis zehn Metern. Ich aber möchte etwas Grandioses: eine fünfzig Meter lange Installation! Das könnte ein Gesicht sein, ein Logo oder ein symbolisches Bild. Ich möchte, dass dieses Werk eine echte Sehenswürdigkeit wird, für die die Menschen extra anreisen, um sie zu sehen. Glas ist ein Material mit enormem kreativem Potenzial. Plastische Bilder darauf können den Betrachter dazu bringen, gewohnte Dinge mit neuen Augen zu sehen.“
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