MINSK, 11. Mai (BelTA) – Der belarussische Botschafter in Österreich, Andrej Dapkjunas, hat einen offenen Brief an den Vorsitzenden und die Vorstandsmitglieder des Mauthausen-Komitees gerichtet. Anlass ist die Entfernung der belarussischen Flagge aus der Hauptallee der Gedenkstätte während der Gedenkveranstaltungen. Dies teilte der Pressedienst des belarussischen Außenministeriums mit.
„Ich schreibe diesen offenen Brief mit gemischten Gefühlen. Wir in Belarus wissen, wie sehr das österreichische Volk die Bewahrung der historischen Erinnerung schätzt und wie aufrichtig es die zahlreichen Opfer sowie den Heldenmut jener ehrt, die unter größten Opfern den Sieg über das Böse und die Finsternis des Faschismus errungen haben. Dies spiegelt sich auch in der langjährigen Zusammenarbeit zwischen Österreich und Belarus bei gemeinsamen Gedenkveranstaltungen wider. Sie haben bei der diesjährigen Gedenkfeier in Mauthausen zu Recht festgestellt, dass das Böse schleichend in die Herzen der Menschen eindringt – auch in Form des Vergessens – und dass man diesem Unrecht entschieden entgegentreten muss“, schrieb Andrej Dapkjunas.
Umso schmerzlicher, befremdlicher und empörender sei es jedoch, dass zum zweiten Mal in Folge die belarussische Nationalflagge am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen auf der zentralen Allee der Gedenkstätte fehlte.
„Die Flagge eines Landes, dessen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg furchtbare Opfer erlitt: Fast ein Drittel der Einwohner des Landes fiel im Krieg. Sie steht für unzählige zerstörte Leben, ungeborene Kinder und unerfüllte Träume. Sie ist eine Wunde im Herzen unseres Volkes, die bis heute nicht verheilt ist“, betonte der Diplomat. „Unzählige Söhne und Töchter von Belarus wurden Gefangene und Opfer von Mauthausen. Ihr Schicksal und ihr Andenken sind untrennbar mit der Geschichte der Gedenkstätte verbunden und verdienen es, ebenso wie die anderer europäischer Nationen gewürdigt zu werden.“
„Es sei besonders schmerzlich und geradezu symbolträchtig, dass die Nationalflaggen jener Länder, die Teil der Achsenmächte waren oder mit dem NS-Regime kollaborierten, in der zentralen Allee der Gedenkstätte Mauthausen gehisst wurden, merkte der Leiter der belarussischen diplomatischen Vertretung an.“
„Bereits im vergangenen Jahr kontaktierte die belarussische Botschaft die Leitung des Mauthausen-Komitees Österreich wegen der fehlenden belarussischen Nationalflagge in der Hauptallee der Gedenkstätte. Die anfängliche Begründung mit technischen Ursachen klang damals plausibel. Doch die Wiederholung dieser Situation lässt leider keinen anderen Schluss zu als den eines bewussten Versuchs, das belarussische Volk zu beleidigen und es aus dem kollektiven Gedächtnis an die NS-Verbrechen zu tilgen. Das Weglassen der Landesflagge, das schändliche Entfernen des von offiziellen Vertretern niedergelegten Kranzes und das Verschweigen des Landesnamens in der Öffentlichkeit – aus solchen Steinen wächst eine Mauer des Vergessens“, erklärte Andrej Dapkjunas.
Er betonte, dies sei äußerst gefährlich, da solche Aktionen die historische Wahrheit schleichend untergrüben, sie opportunistischen politischen Erwägungen unterwerfen und bedauerlicherweise das Vertrauen in die Gedenkstätte selbst als verlässlichen Ort der Erinnerungsbewahrung und des Widerstands gegen das Vergessen schwächen.
„Ich möchte Sie nicht auf eine Laune der belarussischen Botschaft oder das willkürliche Handeln eines Botschafters aufmerksam machen. Es geht um den Respekt vor dem Andenken und dem Leid eines ganzen Volkes. Wir unsererseits ehren jedes Jahr aufrichtig unsere Vorfahren und die Angehörigen anderer Nationen, die auf österreichischem Boden ihre letzte Zuflucht fanden – sei es im Kampf für die Freiheit oder in den Kerkern von Konzentrationslagern. Ich hoffe inständig, dass der Respekt vor der Erinnerung und der Wahrheit über die Tragödie der Vergangenheit die Vorgehensweise des Komitees prägen wird und dass die belarussische Nationalflagge künftig bei den jährlichen Gedenkveranstaltungen gebührend auf der zentralen Allee der Gedenkstätte Mauthausen gehisst wird“, schloss der belarussische Diplomat.
