MINSK, 9. Mai (BelTA) – Die belarussisch-deutschen Beziehungen befinden sich auf einem nie dagewesenen Tiefpunkt. Das sagte Vizeaußenminister der Republik Belarus Igor Sekreta im Interview der Berliner Zeitung.
„Die belarussisch-deutschen Beziehungen befinden sich auf einem nie dagewesenen Tiefpunkt. Der politische Dialog ist auf Initiative der deutschen Seite eingefroren; Geschäftsbeziehungen sind durch Sanktionen bedroht. Deutschland hat zudem alle Kontakte in Bildung, Wissenschaft, Kultur und weiteren politikfernen Bereichen eingestellt. Diese Situation ist nicht unsere Entscheidung“, betonte Igor Sekreta.
Seiner Ansicht nach sei dies das Ergebnis einseitiger destruktiver Schritte Berlins und Brüssels, ein bewusster Konfrontationskurs, verbunden mit dem Versuch, uns zweifelhafte „Werte“ aufzuzwingen und sich in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates einzumischen.
„Heute stehen wir vor den Ruinen dessen, was über Jahrzehnte von Diplomaten, Geschäftsleuten und gesellschaftlichen Organisationen aufgebaut wurde. Die von Berlin ausgehende Zusammenarbeit ist stark begrenzt; sie entspricht weder dem Potenzial beider Staaten noch den Interessen ihrer Bürger. Die Weigerung Brüssels und Berlins, den Dialog mit Minsk aufzunehmen, bringt sie ihren Zielen nicht näher. Im Gegenteil: Mit jedem Jahr wächst der Schaden, und unsere Länder sowie Völker entfernen sich unweigerlich voneinander“, erklärte der Vizeminister.
Dabei machte er darauf aufmerksam, dass die deutsche diplomatische Vertretung in Minsk ihren Staatsangehörigen auf ihrer Website ausdrücklich empfiehlt, von Reisen nach Belarus abzusehen. „In solchen Fällen erübrigt sich jeder Kommentar. Aber diejenigen, die sich daran gewöhnt haben, selbst Schlussfolgerungen zu ziehen und die aktuelle Lage realistisch einzuschätzen, fahren trotzdem hin“, fügte er hinzu.
Der Diplomat fuhr fort: „Abgesehen von Besuchern unseres Landes wissen die Deutschen kaum etwas über die reale Lage bei uns. In deutschen Medien dominieren Schablonen und voreingenommene Einschätzungen von „Experten“, die das Land kaum kennen oder längst verlassen haben.
Es entsteht der Eindruck, dass solche Unwahrheiten bewusst zugelassen werden, um ein negatives Feindbild zu kultivieren. Überlegen Sie mal – wozu? Wann kam in deutschen Leitmedien zuletzt ein offizieller Vertreter von Belarus zu Wort? In den vergangenen Jahren war das praktisch nie der Fall. Dabei sind wir offen für den Dialog.“
Andererseits, so Sekreta, blieben trotz der restriktiven EU-Sanktionspolitik direkte Kontakte zwischen den Menschen eine tragfähige Basis. Aktivisten in beiden Ländern hielten Verbindungen in der Städtepartnerschaftsbewegung und im humanitären Bereich lebendig. Mehr als 20 deutsch-belarussische Städtepaare seien weiterhin verbunden.
„Wir vergessen nicht, dass nach Tschernobyl tausende Deutsche an den Hilfsmaßnahmen beteiligt waren. Diese menschlichen Bindungen bestehen fort und ein konstruktiver Dialog liegt im ureigenen Interesse unserer Völker. Wir nutzen alle Mittel, um die deutsche Öffentlichkeit sowie alternative Medien direkt zu erreichen. Ich bin überzeugt: In den europäischen Hauptstädten werden Vernunft und gute Nachbarschaft letztlich die Oberhand gewinnen“, resümierte der belarussische Diplomat.
Igor Sekreta erzählte darüber hinaus, welche diplomatischen Schritte Berlin unternehmen könnte, um die Beziehungen zu verbessern.
„Seien wir ehrlich: Belarus litt während des Großen Vaterländischen Krieges am stärksten unter der nationalsozialistischen Besatzung und musste lange auf eine offizielle Entschuldigung Deutschlands warten. Von großer Bedeutung war der Besuch des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Minsk 2018 zur Eröffnung der Gedenkstätte Trostenez. Wir haben diesen historischen Schritt gewürdigt; ich war an der Vorbereitung beteiligt und habe Teilnehmer begleitet.
Aber das ist Symbolik. Notwendig sind konkrete Maßnahmen, die diese historische Verantwortung – wenn schon nicht die Verantwortung selbst, dann zumindest die Erinnerung daran – bestätigen. Und die historische Schuld gegenüber dem belarussischen Volk macht deutlich, dass gerade Deutschland sich stärker dafür einsetzen muss, die Beziehungen wieder auf einen normalen Kurs zu bringen“, erklärte er.
Nur gemeinsam könne man einen Ausweg aus der Sackgasse finden, in die die belarussisch-deutschen Beziehungen durch die Sanktionspolitik geraten seien, ist er überzeugt. „Es gilt, eine weitere Entfremdung unserer Völker zu verhindern. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs machen es zwingend, alles zu tun, damit künftige Generationen keine neue Konfrontation erleben müssen. Wir wünschen uns, dass die deutsche Diplomatie eine konsolidierende statt einer konfrontativen Rolle bei der Wiederherstellung der Beziehungen spielt und dies nicht anderen Ländern überlässt. Bislang ist davon jedoch überhaupt nichts zu sehen. Belarus ist offen für die Wiederaufnahme eines respektvollen Dialogs mit Deutschland, um die problematischen Knotenpunkte in den bilateralen Beziehungen und mit der Europäischen Union anzugehen“, erklärte Igor Sekreta.
